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Mayers Weltwirtschaft : Griechisches Gewurschtel

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Bild: Thilo Rothacker

Griechenlands Wirtschaft kommt nicht voran. Dies wird sich nicht ändern, solange das Land in der Währungsunion gefangen bleibt.

          Nachdem er 280 bis 279 vor Christi Geburt die römische Armee in zwei Schlachten besiegt hatte, sagte König Pyrrhus vom griechischen Staat Epirus, dass ihn ein weiterer solcher Sieg zerstören würde. Er hatte ihn mit dem Verlust des Großteils seiner Streitkräfte zu teuer bezahlt. Der griechische Premierminister Tsipras hätte das gleiche sagen können, als EU-Beamte im vorigen August den Ausstieg Griechenlands aus seinem achtjährigen Anpassungsprogramm feierten. Die Verwüstung der griechischen Wirtschaft nach Abschluss der „Anpassung“ hätte es hergegeben.

          Als Griechenland 2001 der Europäischen Währungsunion (EWU) beitrat, sanken die Zinssätze für private und öffentliche Kreditnehmer auf ein Niveau, das griechische Bürger nie zuvor gesehen hatten. Private Haushalte, Unternehmen und der Staat badeten daraufhin in Schulden. Die Gesamtkredite für den nichtfinanziellen Sektor stiegen in den Jahren 2001 bis 2008 auf mehr als das Doppelte und damit deutlich stärker als das nominale Bruttoinlandsprodukt. 2006 stieg der Kreditzins leicht an, aber das galt als normale Reaktion auf den zyklischen Aufschwung. Mit Beginn der Finanzkrise in den Vereinigten Staaten 2007 begannen sich die Rahmenbedingungen jedoch zu verändern. Die Risikoprämien für schwächere Kreditnehmer stiegen – und darunter fielen die Griechen.

          Der Anstieg der privaten Neuverschuldung um mehr als 150 Prozent hatte dazu beigetragen, das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen dem ersten Quartal 2001 und dem dritten Quartal 2008 um 60 Prozent zu steigern. Mit der Verschärfung der Finanzkrise nach dem Bankrott von Lehman Brothers im September 2008 begann jedoch die Kreditaufnahme zu sinken, und das BIP fiel. Gegen Ende 2009 schockierte die neu gewählte sozialistische Regierung die Öffentlichkeit mit dem Eingeständnis, dass das Staatsdefizit viel größer war als zuvor gemeldet. Als dann noch herauskam, dass der Beitritt zur Währungsunion mit gefälschten Daten zum Staatsdefizit erschwindelt worden war, fiel der Staat in eine Schuldenkrise, die sich schnell zu einer Bankenkrise ausweitete.

          Bis zum dritten Quartal 2012 sank die private Neuverschuldung um 167 Prozent unter ihren Höchststand vom dritten Quartal 2008. Obwohl sie sich nach der berühmten Zusicherung von EZB-Präsident Mario Draghi, „alles zu tun, was nötig ist“, um den Euro zu retten, etwas erholte, fiel das nominale BIP bis zum vierten Quartal 2013 weiter bis auf 27 Prozent unter seinen Höchststand. Die anhaltende Erholung der Neuverschuldung trug zur Stabilisierung bei, war aber nicht stark genug, um die Wirtschaft zu einem gesunden Wachstum zurückzuführen.

          Die Deflation von Schulden, Kosten und Preisen überforderte die Wirtschaft. Griechenland nahm nach der Finanzkrise von 2008/2009 und der Eurokrise 2011/2012 nicht an der wirtschaftlichen Erholung anderer EWU-Länder teil und erlebte eine der schlimmsten Schuldendeflationen der Geschichte. Im Vergleich zur griechischen Depression erscheint die amerikanische Depression der frühen 1930er Jahre als flüchtig. Während in den Vereinigten Staaten das reale BIP nach acht Jahren wieder den Stand vor der Depression erreichte, liegt das griechische reale BIP ein Jahrzehnt später noch immer um ein Viertel unter seinem Höchststand von 2008. Vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden Rezession im Euroraum sind die Aussichten für die griechische Wirtschaft, die Verluste des vergangenen Jahrzehnts jemals auszugleichen, schlecht.

          Nur wenige Länder konnten Schuldenabbau und Kostensenkung mit deflationären Wirkungen ohne Währungsabwertung entkommen. Lettland ist ein Beispiel dafür. Griechenland mangelt es aber an der wirtschaftlichen Flexibilität, die nötig wäre, um ohne Abwertung auskommen zu können. Dennoch ließen die verantwortlichen Politiker weder zu, dass es sich der geldpolitischen Zwangsjacke der Währungsunion entziehen konnte, noch akzeptierten sie einen radikalen Schuldenschnitt. Stattdessen drängten sie auf „Strukturreformen“, die es dem Land ermöglichten sollten, aus seinen Schulden herauszuwachsen. Nach beinahe einem Jahrzehnt ist aber klar, dass sie die Fähigkeit des griechischen Volkes, sich neu zu erfinden, überschätzt haben.

          Verglichen mit Deutschland genießen Unternehmen im Allgemeinen und Investoren im Besonderen in Griechenland weniger Freiheit, sind die Eigentumsrechte schwächer und ist die Effektivität der Gerichte geringer. Dabei müsste Griechenland als Wirtschaftsstandort besonders attraktiv sein, um aus seiner Schulden- und Kostenfalle herauswachsen zu können. Das Fazit ist ebenso unvermeidlich wie traurig: Solange Griechenland in der EWU gefangen bleibt, sieht seine wirtschaftliche Zukunft düster aus.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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