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Mayers Weltwirtschaft : Keine Almosen für Afrika!

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Deutschland will Afrika mit einer Neuauflage des Marshallplans zu Hilfe kommen. Das klingt gut, ist aber eine schlechte Idee.

          Die Schließung der Balkan-Route, das Abkommen mit der Türkei und die Sperrung der Häfen in Italien und Malta für Schiffe mit Migranten haben den Zustrom von Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten in die Europäische Union deutlich verringert. Daraus zu schließen, dass das Problem der Zuwanderung aus diesen Regionen damit gelöst ist, wäre jedoch ein Irrtum. Die Weltbank prognostiziert, dass die Bevölkerung in Afrika und dem Nahen Osten in den nächsten dreißig Jahren um 1,3 Milliarden auf 2,9 Milliarden Menschen wachsen wird. Sie schätzt, dass während dieser Zeit rund 56 Millionen Menschen von dort auswandern werden.

          Vermutlich werden die meisten nach Europa kommen, so dass ein Volk in der Größe des italienischen in die EU einwandern könnte. Angesichts des Rückgangs der heimischen Bevölkerung wäre die Zuwanderung in die Erwerbsbevölkerung wünschenswert. Viele Migranten werden jedoch die dafür nötige Qualifikation nicht mitbringen und folglich die Zahl der Wohlfahrtsempfänger erhöhen. Ob die europäischen Wohlfahrtssysteme dies aushalten können, darf bezweifelt werden.

          Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Jahr 2017 einen „Marshallplan mit Afrika“ entwickelt, um die „Fluchtursachen zu bekämpfen“. Der Titel des Projekts bezieht sich auf eine Initiative der amerikanischen Regierung aus dem Jahr 1948, mit der Europa beim Wiederaufbau seiner Wirtschaft aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs finanziell unterstützt wurde. Zwischen April 1948 und Dezember 1952 wurden insgesamt rund 14 Milliarden Dollar an europäische Länder vergeben, davon 1,4 Milliarden Dollar an Deutschland. Die Idee des „Marshallplans mit Afrika“ besteht heute darin, offizielle und private Gelder auf den Kontinent zu leiten, um den Lebensstandard zu verbessern und die Anreize für die Auswanderung zu verringern.

          Woran es Afrika wirklich mangelt

          Die bisherigen Erfahrungen mit der Entwicklungshilfe haben jedoch gezeigt, dass Kapitalströme in die Entwicklungsländer keine ausreichende Voraussetzung für die Verbesserung des Lebensstandards sind. Die Erwartung, dass die finanzielle Unterstützung die Migrationsströme aus Afrika in die EU-Länder reduzieren wird, ist daher fraglich. Vor diesem Hintergrund hat Rudolph Matete in einer Masterarbeit an der Universität Witten/Herdecke anhand von Daten aus 53 afrikanischen Ländern für den Zeitraum von 1996 bis 2017 untersucht, ob mehr Investitionen der EU in afrikanischen Ländern zu einer Verringerung der Auswanderung beitragen können.

          Seine Ergebnisse widersprechen der Hypothese, dass die Emigration aus Afrika mit einem „Marshallplan“ reduziert werden könnte. Matetes Untersuchung zeigt, dass die menschlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Kontinenten (gemessen an der Zahl von Einwanderern in den EU-Ländern, der geographischen Entfernung, gemeinsamen Sprachen und Handelsströmen) eine sehr wichtige Rolle für die Migrationsströme zwischen Afrika und der EU spielen. Hinzu kommt, dass die Emigration aus afrikanischen Ländern eher zunimmt, wenn sich der Abstand zwischen den Einkommen pro Kopf der Bevölkerungen verringert, denn höhere Einkommen in Afrika machen die Reise nach Europa überhaupt erst erschwinglich. Investitionen aus der EU tendieren dazu, die Emigration nach Europa zu erhöhen, da sie diese Bestimmungsfaktoren stärken. Dagegen verringern höhere Rechtssicherheit und ein höheres Maß an finanzieller Entwicklung den Druck, aus afrikanischen Ländern abzuwandern.

          Matetes Untersuchung lässt Zweifel daran aufkommen, dass das Konzept des in der Nachkriegszeit für Europa so hilfreichen Marshallplans für Afrika richtig ist. Im Nachkriegseuropa gab es viele gut ausgebildete Menschen, und man konnte an die Institutionen der Vorkriegszeit anknüpfen. Was fehlte, war Kapital. Der Marshallplan half, die Kapitallücke zu schließen.

          Afrika fehlt es vor allem an einer Gesellschaftsordnung, in der die Herrschaft des Rechts die Bürger vor staatlicher Willkür schützt. In Europa hat es sehr lange gedauert, bis eine rechtsstaatliche Gesellschaftsordnung entstanden ist. Der Nobelpreisträger Paul Romer hat daher vorgeschlagen, den Weg dorthin für Afrika abzukürzen, indem entwickelte Länder Patenschaften für Städte übernehmen, die aus der vorhandenen Staatsordnung ausgegliedert werden. Bisher hat sich Romers Idee leider nicht durchgesetzt, und die Voraussetzungen für erfolgreiche Kapitalhilfe fehlen weiterhin. Europa wird es folglich nicht vermeiden können, Zuwanderung zu steuern und Einwanderung in den Wohlfahrtsstaat zu verhindern.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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