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Mayers Weltwirtschaft : Die nächste Krise ist nicht fern

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Zehn Jahre nach der Finanzkrise sind Banken und Staaten immer noch hoch verschuldet. Da hilft nur beten.

          3 Min.

          Charlie Munger, der Partner der Investorenlegende Warren Buffett, verglich einmal das Einkommen der Akteure im Finanzsektor mit dem „Tronc“, den der Croupier von den Spielern beim Roulette erhält. Wie der Croupier beim Roulette von den Spielern für seine Hilfeleistungen belohnt wird, sollten die Akteure im Finanzsektor für ihre Dienste von den Akteuren in der Realwirtschaft entschädigt werden, meinte Munger. Hinter diesem Bild verbirgt sich die Annahme, dass die eigentliche Wertschöpfung in der Realwirtschaft erfolgt und der Finanzsektor dabei hilft.

          Doch in unserer auf Verschuldung gebauten Wirtschafts- und Finanzordnung haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Wir haben eine „Croupier-Wirtschaft“, in der die Zahl der Croupiers so hoch ist, dass diese selbst das Spiel bestimmen: Der Finanzsektor gibt den Ton an, dem die Realwirtschaft folgt. Dies ist nirgendwo deutlicher zu sehen als in den Vereinigten Staaten.

          Die Zinspolitik hat eine riesige Kreditblase erzeugt

          Im Jahr 1990 hatte das verarbeitende Gewerbe einen Anteil von gut 17 Prozent an der gesamten Bruttowertschöpfung der amerikanischen Wirtschaft. Dienstleistungen für Finanzierung, Versicherung und die Bewirtschaftung von Immobilien (kurz Finanzdienstleistungen) brachten es auf den gleichen Anteil. Sechzehn Jahre später hatten sich die Anteile gewaltig verschoben: Das verarbeitende Gewerbe brachte es noch auf 13 Prozent, der Finanzsektor erreichte 20 Prozent. Die Zinspolitik der Zentralbanken hatte eine riesige Kreditblase erzeugt, die den Finanzsektor nährte.

          Man hätte erwarten können, dass sich mit dem Platzen der Kreditblase in der Finanzkrise von 2007/2008 der Finanzsektor zurückgebildet hätte. Dem ist aber nicht so. Im Jahr 2016 betrug der Anteil dieses Sektors an der Bruttowertschöpfung knapp 21 Prozent. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes schrumpfte auf weniger als 12 Prozent. Trotz Finanzkrise stiegen die Finanzdienstleistungen überproportional an und stellen den größten Sektor der amerikanischen Wirtschaf dar.

          Ähnlich verlief die Entwicklung in der Eurozone. Im Jahr 1995 hatte das verarbeitende Gewerbe einen Anteil von rund 20 Prozent an der gesamten Bruttowertschöpfung. Finanzdienstleistungen brachten es auf 15 Prozent. Im Jahr 2006 war der Anteil des verarbeitenden Gewerbes auf weniger als 18 Prozent gefallen und der Anteil der Finanzdienstleistungen auf knapp 16 Prozent gestiegen. Zehn Jahre später lag der Anteil des verarbeitenden Gewerbes bei 17 Prozent und der von Finanzdienstleistungen bei gut 16Prozent. Seit der Finanzkrise ist der Anteil von Finanzdienstleistungen an der Wertschöpfung im Euroraum zwar nicht gestiegen wie in Amerika, aber immerhin auch nicht unter seinen Wert vor der Krise gefallen. Gewissermaßen zum Ausgleich stieg der Anteil des Staates an der Wertschöpfung im Euroraum von 18 Prozent im Jahr 2006 auf mehr als 19 Prozent im Jahr 2016.

          Zentralbanken stützen Finanzsektor

          Auf den ersten Blick ist es verblüffend, dass gerade diejenigen Wirtschaftssektoren, die durch ihre Überschuldung die Finanzkrise ausgelöst oder verstärkt haben, also der Finanzsektor und Teile des Staatssektors im Euroraum, nun einen größeren Beitrag zur Wertschöpfung leisten als vorher, während das verarbeitende Gewerbe weiterhin geschrumpft ist. Der Grund dafür dürfte sein, dass die Zentralbanken zur Vermeidung einer tieferen Rezession durch ihre Zinspolitik und den Ankauf von Schuldtiteln besonders diese Sektoren gestützt und wieder aufgepäppelt haben. Das Ergebnis dieser Politik war, dass in Amerika die gesamte ausstehende Schuld relativ zum Bruttoinlandsprodukt heute nicht geringer ist, als sie es vor der Finanzkrise war und im Euroraum sogar deutlich höher ist.

          Ein Spielkasino, in dem das Verhältnis der Croupiers zu den Spielern zu hoch ist, ist kein gesunder Wirtschaftsbetrieb. Die Croupiers haben nichts Sinnvolles zu tun oder nehmen gar selbst am Spiel teil. Dementsprechend behindern ein überdimensionierter Finanzsektor und aufgeblähter Staatssektor das Wachstum der Wirtschaft, wenn mehr Vermittler da sind, als es zu vermitteln gibt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die wirtschaftliche Entwicklung seit der Rezession nach der Finanzkrise eher verhalten war. Viele Croupiers standen untätig herum, wurden aber nicht entlassen. Nun scheint die Wirtschaft mehr Fahrt aufzunehmen. Die vorher untätigen Croupiers nehmen wieder am Spiel teil.

          Doch diese Croupier-Wirtschaft ist hoch verschuldet und daher anfällig für einen Anstieg der Zinsen oder Rückgang der Produktion. Die Zentralbanken, die das Kasino betreiben, können verhindern, dass die Zinsen der Wirtschaftsentwicklung entsprechend steigen. Aber sie haben nicht die Macht, eine Rezession zu verhindern. Da hilft nur noch beten.

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