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Mayers Weltwirtschaft : Die Welt ist gar nicht so übel

  • Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Ständig beschwören Aktivisten die Klimakatastrophe oder die Verarmung vieler Menschen. Davon sollten wir uns nicht verrückt machen lassen.

          Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, wir entscheiden über Handlungen mit ungewissem Ausgang durch Abwägung der damit verbundenen Chancen und Risiken. Jüngere Menschen sehen mehr Chancen und nehmen Risiken leichter in Kauf. Älteren Menschen erscheinen die Chancen begrenzt. Dafür stehen bei ihnen die Risiken im Vordergrund. Wie einzelne Menschen treffen ganze Gesellschaften Entscheidungen durch Abwägung von Chance und Risiko. Ältere Gesellschaften sind eher risikoscheu, jüngere gehen eher Wagnisse ein. Dagegen wäre eigentlich nichts einzuwenden. Denn wenn ältere Gesellschaften sich zurückhalten, haben jüngere möglicherweise mehr Raum, sich zu entfalten. Doch es gibt zwei Begleiterscheinungen der Alterung von Gesellschaften, die zu einer krankhaften Entwicklung führen können.

          Erstens schafft zunehmende Risikoaversion in einer Gesellschaft eine Echokammer für Medien und Interessengruppen. Da schlechte Nachrichten das Bild einer riskanten Welt bestätigen, finden sie besondere Aufmerksamkeit. Die Medien liefern oft, was der Konsument von Nachrichten und Analysen gerne sehen und hören will. So entsteht das verzerrte Bild einer Welt, in der Gefahren und Elend unaufhaltsam zunehmen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Wie der schwedische Arzt Hans Rosling in seinem Bestseller „Factfulness“ gezeigt hat, haben sich die Lebensumstände der Menschen insgesamt im Lauf der vergangenen fünf Jahrzehnte in jeder Beziehung enorm verbessert. Die Lebenserwartung ist gestiegen, die Kindersterblichkeit ist gesunken, die Zahl der extrem Armen hat sich halbiert, die Bildung ist besser geworden, die Zahl der Opfer von Naturkatastrophen ist drastisch zurückgegangen, vier Fünftel der Menschen haben Zugang zur Versorgung mit elektrischem Strom. Doch Umfragen zeigen, dass weniger als ein Drittel der Menschen in den entwickelten Ländern davon wissen. Die überwiegende Mehrheit glaubt, dass es anderen Menschen in jeder Beziehung viel schlechter geht als ihnen und kaum Fortschritte in der Entwicklung zu einer besseren Welt zu verzeichnen sind. Die Fehler in der Wahrnehmung sind unabhängig vom Bildungsstand der Befragten. Wissenschaftler, Intellektuelle oder Journalisten schneiden nicht besser ab als der Durchschnittsmensch.

          Die durch die Berichterstattung verstärkte Verzerrung der Wahrnehmung bietet Interessengruppen einen fruchtbaren Boden für ihre Anliegen. Selbsternannte Anwälte der Armen erzeugen entgegen der tatsächlichen Entwicklung die Illusion einer Verelendung der Welt, Klimaaktivisten beschwören den Weltuntergang. Der frühere amerikanische Vizepräsident und heutige Klimaaktivist Al Gore offenbarte die Methode: „Wir müssen Furcht erzeugen!“ Die jugendliche Aktivistin Greta Thunberg setzt Gores Methode konsequent um. Wie die von Rosling zitierten Umfragen zeigen, sind die Aktivisten erstaunlich erfolgreich. Während nur eine erschreckend kleine Minderheit den Rückgang der globalen Armut und die Verbesserung der globalen Lebensumstände wahrnimmt, wissen so gut wie alle um die Erderwärmung. Ihr Erfolg spült den Aktivisten Gelder in die Kasse, mit denen sie den Massen ihr Weltbild noch effektiver nahebringen können.

          Zweitens rufen die verunsicherten Bürger nach immer mehr staatlichen Eingriffen zu ihrem Schutz. Dabei führt das von Aktivisten erzeugte Gefühl der Dringlichkeit der Gefahrenabwehr zu überhasteten Maßnahmen, die oft mehr schaden als nutzen. So wurde die Finanzindustrie nach der Krise vor gut zehn Jahren mit einem Wust von Regulierungen überzogen, die unser Finanzsystem nicht stabiler gemacht haben. Nach dem Reaktorunfall von Fukushima entschied man sich in Deutschland für einen schnellen Ausstieg aus der Kernenergie, der nun das Erreichen der Klimaziele erschwert und die Stromversorgung unsicherer macht. Durch unverhältnismäßige Fahrverbote verleidet man den Autofahrern den Dieselmotor, obwohl saubere Diesel für die Erreichung der Klimaziele hilfreich wären. Gleichzeitig erlegt man der Autoindustrie mit Benzinmotoren unerreichbare Ziele für den Ausstoß von Kohlendioxid ihrer Flotten auf und drängt sie zu Elektrofahrzeugen, obwohl deren CO2- Bilanz umstritten und die rechtzeitige Entwicklung der Infrastruktur unsicher ist. Man erschwert den Individualverkehr und überlastet die lange vernachlässigten öffentlichen Verkehrsmittel.

          Angst hilft, unnötige Risiken zu vermeiden. Aber in einer durch Medien und Interessengruppen aufgepeitschten Angstgesellschaft kommt es zu einer krankhaften Verschiebung der Wahrnehmung von Chancen und Risiken. Mehr Nüchternheit wäre nötig, wenn wir unsere Zukunft nicht verspielen wollen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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