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Mayers Weltwirtschaft : Vorsicht, höhere Zinsen!

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Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Zinsen in Amerika steigen. Dies hat Folgen für die ganze Welt. Auch Europa muss wieder zittern.

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          Von Warren Buffet, dem legendären Investor, stammt der Spruch: „Erst wenn die Ebbe kommt sieht man, wer ohne Badehose geschwommen ist.“ Inzwischen haben die Finanzmärkte einige Nackte gesichtet. Eingeleitet wurde die Ebbe durch die entschlosseneren Zinsanhebungen der amerikanischen Notenbank Fed. Lange Zeit hatte die Fed zwar Zinserhöhungen immer wieder in Aussicht gestellt, aber nur zögerlich und teilweise verwirklicht. Schließlich hatten die Marktteilnehmer die Hinweise der Geldpolitiker auf höhere Zinsen nicht mehr ernst genommen.

          Dank der Steuersenkung und des Abbaus von Regulierungen durch die Trump-Regierung hat die amerikanische Wirtschaft jedoch im Lauf des vergangenen Jahres gehörig Fahrt aufgenommen. Vor diesem Hintergrund hat die Fed unter ihrem neuen Vorsitzenden Jerome Powell die angekündigten Zinserhöhungen tatsächlich umgesetzt. Nun haben die Marktteilnehmer vor der Fed wieder Respekt und die amerikanischen Kreditzinsen sind gestiegen. Nach einer Schrecksekunde hat auch der Aktienmarkt reagiert. Das macht vor allem den Technologiewerten zu schaffen, deren Bewertung aufgrund der erst in Zukunft zu erwartenden hohen Gewinne besonders zinsanfällig ist.

          Eine Veränderung der amerikanischen Kreditzinsen hat immer globale Wirkungen. Staatsanleihen aus Amerika gelten als die sicherste Anlage der Welt. Steigen die Zinsen auf diese Anlage, hat das Auswirkungen auf alle anderen. Bieten diese nicht ebenfalls einen höheren Zins, ziehen die Anleger ihr Geld von dort ab. Die Zinsen in anderen Ländern steigen dann auch. Wo die Zentralbank die lokalen Zinsen niedrig hält, wird die Währung aufgrund der abwandernden Anlagegelder schwächer. Und wo man nicht nur die Zinsen deckelt, sondern auch eine ansonsten fragwürdige Wirtschaftspolitik verfolgt, und wo man zur Finanzierung außenwirtschaftlicher Leistungsbilanzdefizite auf einen stetigen Zufluss ausländischen Geldes angewiesen ist, kollabiert die Währung – und die Zinsen steigen in stratosphärische Höhen. Mit Buffet könnte man sagen, diese Länder zeigen sich dann nackt vom Scheitel bis zur Sohle.

          Völlig entblößt in diesem Sinne stehen heute schon Venezuela, Argentinien, Pakistan und die Türkei da. Bei weiter zunehmender Ebbe könnten aber bald andere Länder wie Indien, Indonesien, Südafrika und Brasilien dazukommen. Doch haben diese Länder insgesamt nicht das Gewicht, die Weltwirtschaft zu kippen. Das könnte ohne Zweifel China, nach den Vereinigten Staaten die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Dort schwächelt die Konjunktur und die chinesische Notenbank hat den Mindestreservesatz für die Banken gesenkt, um die Kreditvergabe anzukurbeln. China hat aber einen Überschuss in der außenwirtschaftlichen Leistungsbilanz und Nettoauslandsforderungen von beinahe zwei Billionen Dollar. Es ist folglich nicht von ausländischen Geldgebern abhängig und dämmt mit Kapitalverkehrskontrollen den Kapitalexport seiner Bürger ein. Das verringert seine Anfälligkeit für Zinserhöhungen in den Vereinigten Staaten.

          Obacht vor Italien

          Wie China ist auch die Eurozone nicht auf internationale Anleger angewiesen. Aber die Eurozone hat keine Kapitalverkehrskontrollen, die Bürger vom Export ihrer Ersparnisse abhalten würden, wenn sie anderswo gut verzinste, sicherere Anlagen finden können. Vor allem aber gibt es dort hoch verschuldete Staaten, die auf niedrige Zinsen angewiesen sind. Der Elefant im Euroraum ist der italienische Staat, dessen Schuld sich auf 133 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) beläuft. Die Zinsausgaben des italienischen Staats betragen gegenwärtig rund vier Prozent des BIP. Würde die durchschnittliche Verzinsung auf vier Prozent steigen, müsste der italienische Staat 5,3 Prozent des BIP für Zinsausgaben aufwenden. In diesem Fall müsste die Regierung rigorose Sparmaßnahmen verhängen. Dies aber würden ihre Wähler als Verrat betrachten. Es ist daher nur konsequent, wenn der italienische Europaminister Paolo Savona fordert, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen auf italienische Staatsanleihen deckeln soll. Würde diese darauf eingehen, träte sie aber in die Fußstapfen der türkischen Notenbank. Der Wechselkurs des Euro würde fallen und die Inflation steigen.

          Die gegenwärtig ohne Badehosen dastehenden Schwellenländer stellen keine unmittelbare Gefahr für die Weltwirtschaft dar und China ist nicht völlig entblößt. Doch die jüngsten Finanzmarktturbulenzen sind Warnsignale. Würde der Euroraum vom Sog höherer amerikanischer Zinsen erfasst, könnte ihn die EZB wohl nur noch um den Preis der „Liraisierung“ des Euro verteidigen. Damit sollte man rechnen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdeck.

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