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Mayers Weltwirtschaft : Hört auf die Nörgler!

  • -Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Ob in der Wirtschaft oder in der Politik: Zweifler sind nirgendwo willkommen. Dabei sind sie so nötig wie nie.

          Kürzlich war ich auf einer Konferenz zur ökonomischen Bildung, auf der die Frage diskutiert wurde, wie wissenschaftliche Erkenntnis in die Öffentlichkeit getragen werden kann. Zwei Aspekte fand ich dazu besonders interessant: Die Tendenz der akademischen Wirtschaftswissenschaften, sich vornehmlich mit sich selbst zu beschäftigen und die Schwierigkeit, die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis bei ihrer öffentlichen Verbreitung mit zu vermitteln. Ähnliche Probleme dürfte es auch beim Erkenntnistransfer in anderen Disziplinen geben.

          Der Schweizer Ökonom Bruno Frey kritisierte die Selbstbezogenheit der akademischen Wirtschaftswissenschaft. Für die Reputation eines Wissenschaftlers ist es besonders wichtig, in angesehenen Zeitschriften, den sogenannten A-Journals, zu veröffentlichen. Doch gemessen an der Anzahl späterer Zitate entfalten weniger als zwanzig Prozent der dort erschienenen Artikel einen sichtbaren Einfluss auf die wissenschaftliche Debatte. Möglicherweise hängt das damit zusammen, wie die Artikel ausgewählt werden. Eine höhere Chance auf Veröffentlichung hat derjenige, der im Dunstkreis der Herausgeber wirkt, und dieser liegt bei den Wirtschaftswissenschaften meist in den Vereinigten Staaten. Brisant ist die mangelnde Relevanz vieler Veröffentlichungen in diesen Journals deshalb, weil bei Berufungen auf Lehrstühle auch an deutschen Universitäten diese Veröffentlichungen in der Regel ein hohes Gewicht haben. Die wissenschaftliche Relevanz wird oft nicht geprüft, von der praktischen ganz zu schweigen. Bruno Frey kann es sich leisten, den akademischen Betrieb zu kritisieren, denn er gehört zu den forschungsstärksten Ökonomen im deutschsprachigen Raum.

          Wissenschaftliche Erkenntnis ist naturgemäß vorläufig und kann sich nur weiterentwickeln, wenn sie von Kritikern bezweifelt wird. Wie der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn erkannt hat, entwickelt sich wissenschaftliche Erkenntnis jedoch oft nicht kontinuierlich, sondern in der Auseinandersetzung zwischen Vertretern einer vorherrschenden Lehrmeinung und deren Gegnern. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich die Wissenschaftler selbst darum kümmern würden, der Öffentlichkeit die Vorläufigkeit und den Grad der Belastbarkeit ihrer Erkenntnis zu vermitteln. Aber das ist wohl zu viel verlangt.

          Das Beispiel Albert Einstein

          Denn wenn es um grundlegende Veränderungen geht, wird in der Wissenschaft mit harten Bandagen gekämpft. So provozierte Albert Einsteins revolutionäre Relativitätstheorie einen regelrechten Aufstand unter traditionellen Physikern. Uneinigkeit im Nobelpreiskomitee führte 1921 dazu, dass die Preisverleihung um ein Jahr verschoben wurde. Und auch dann wurde Einstein der Preis für eine andere Arbeit verliehen und ihm auferlegt, in seiner Preisrede nicht über die Relativitätstheorie zu sprechen. Wo so hart um Erkenntnisfortschritte gekämpft wird, kann man von den Kombattanten keine Selbstzweifel erwarten. Wenn aber These und Gegenthese in aller Schärfe in die Öffentlichkeit getragen werden, entsteht Verwirrung. Und wenn dann auf Grundlage der einen oder anderen These mit weitreichenden Folgen in das Leben der Bürger eingegriffen wird, geht das Vertrauen in Wissenschaft und Politik verloren.

          Gegenwärtig erleben wir diesen Vertrauensverlust ganz besonders auf dem Gebiet der Dieselabgase. Wie in der F.A.Z. vom 31. Januar zu lesen war, wurde begrenzte und vorläufige wissenschaftliche Erkenntnis in harte Grenzwerte umgesetzt, die für viele Bürger gravierende wirtschaftliche Einbußen zur Folge haben. Auch in der Debatte um den Klimawandel wird jeder Zweifel an der Rolle von Kohlendioxyd bekämpft, obwohl Zweifel zur Natur wissenschaftlicher Erkenntnis gehört. Vermutlich darf gar nicht mehr gezweifelt werden, weil damit nicht nur wissenschaftliche Reputation untergraben, sondern auch der Sinn enormer Ausgaben in Frage gestellt würde. Und im Bereich der Wirtschaftswissenschaften stellt Zweifel an der vorherrschenden Lehrmeinung auf dem Gebiet der Makroökonomie die Sinnhaftigkeit der von den Zentralbanken betriebenen Niedrigzinspolitik in Frage. Sollte sich diese Lehrmeinung als falsch erweisen, wären nicht nur hochangesehene Wissenschaftler mit ihrer Lebensleistung gescheitert, sondern für viele Bürger wäre auch ein überflüssiger enormer finanzieller Schaden entstanden.

          Laut Friedrich von Hayek sinkt die Präzision wissenschaftlicher Aussagen mit der Komplexität der Systeme. Es wäre viel gewonnen, wenn dies bei Presseberichten über Ergebnisse in der Erforschung hoch komplexer Systeme wie der Wirtschaft oder des Klimas und der Umsetzung durch die Politik berücksichtigt würde.

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