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Mayers Weltwirtschaft : Ohne Vollgeld stirbt der Euro

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Europäische Währungsunion nähert sich schleichend ihrem Ende. Helfen könnte nur eine radikale Reform des Geldsystems.

          Die Schweizer haben am vergangenen Sonntag wie erwartet einen Wechsel vom bestehenden Kreditgeldsystem zum Vollgeldsystem abgelehnt. Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass Kreise, die von der öffentlich-privaten Partnerschaft der Kreditgeldproduktion als private Geldproduzenten oder öffentliche Manager profitieren, den Wählern Angst gemacht haben.

          Vollgeld ist wie ein theoretisch wirksames Krebsmedikament, das von der Schulmedizin (noch) nicht akzeptiert ist. Man nimmt es nur, wenn der Krebstod sonst unausweichlich erscheint. Vollgeld wurde durch die Erfahrung des finanziellen Nahtods während der Finanzkrise populär. Mit dem Abklingen dieser Erfahrung hat es an Attraktivität verloren.

          Das heißt aber nicht, dass die Idee des Vollgelds vom Tisch wäre. Im Gegenteil: Im moribunden Euroraum könnte es ein Comeback erleben. Die Europäische Währungsunion (EWU) wurde unter der Annahme begonnen, dass sich die Mitgliedsländer an die Einheitswährung anpassen würden. Nach zwei Jahrzehnten EWU muss diese Annahme heute als widerlegt betrachtet werden. Statt die notwendige Anpassung durchzusetzen, haben sich viele Euroländer hoch verschuldet. Nachdem die eigene Tragfähigkeit der Schulden nicht mehr gegeben war, wurden andere Länder über den Europäischen Stabilitätsmechanismus und das System europäischer Zentralbanken zu Hilfsträgern verpflichtet. Die Kreditforderungen des ESM und seiner Vorgänger betrugen im April dieses Jahres 355 Milliarden Euro, die im Interbankzahlungssystem Target2 aufgelaufenen Außenstände der Zentralbanken von Ländern mit Zahlungsbilanzüberschüssen 1,3 Billionen Euro. Dennoch fordern Länder wie Italien noch mehr „europäische Solidarität“ durch die Vergemeinschaftung öffentlicher Schulden, des Restrisikos bei Bankabwicklungen und der Versicherung von Bankeinlagen. Dem stemmt sich eine Nordallianz kleinerer Staaten entgegen, sodass die Zentrifugalkräfte in der EWU wachsen. Immer deutlicher wird, dass die Währungsunion mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu retten ist. Dadurch könnte Vollgeld ins Spiel kommen.

          Die EZB kann das aufbauen

          Die Europäische Zentralbank könnte zum Beispiel die Banken zum Angebot einer „sicheren Einlage“ veranlassen, die durch die Hinterlegung von Zentralbankgeld vollständig gedeckt wäre. Damit gäbe es eine „sichere Anlage“, und die kontroverse Diskussion über die Einführung von staatlichen Gemeinschaftsanleihen zu diesem Zweck und über eine gemeinsame Einlagenversicherung würde sich erledigen. Die von vielen beklagte tödliche Verbindung zwischen Staaten und Banken würde aufgelöst, da die sichere Einlage (wie Bargeld) von der Zahlungsunfähigkeit von Banken und Staaten nicht berührt würde. Konventionelles Kreditgeld wird dagegen vernichtet, wenn die Kredite, mit denen es geschaffen wurde, ausfallen. Folglich wären konventionelle Einlagen wie andere Schuldverschreibungen von Banken mit einem höheren Risiko und daher höherer Verzinsung und einem variablen Preis relativ zur sicheren Einlage.

          Die Aufgabe der Banken würde auf Abwicklung des unbaren Zahlungsverkehrs und die Vermittlung von Spargeldern an Investoren reduziert, wobei das von ihnen vorgehaltene Eigenkapital eine begrenzte Versicherung für Verluste bieten würde. Der Aufbau des für die Deckung der sicheren Einlage notwendigen Bestands an Zentralbankgeld könnte durch einen weiteren Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB erfolgen. Da die EZB die Anleihen als Deckungsstock für das Zentralbankgeld und die damit besicherte sichere Einlage dauerhaft halten würde, könnte durch die Umstellung sogar die an den Märkten zu finanzierende Staatsverschuldung verringert werden.

          Wie vor Beginn der Währungsunion

          Doch würde mit der Umstellung des Euros auf Vollgeld durch die Einführung einer sicheren Einlage den Staaten und Banken die Quelle verlorengehen, die ihnen heute Geld über Kreditvergabe wie von Zauberhand in beliebiger Höhe schaffen kann. Vom Gold spinnenden Rumpelstilzchen würde die EZB auf ihre ursprünglich in den EU-Verträgen vorgesehene Rolle als neutrale Instanz zur Geldemission zurückgestutzt. Staaten und Banken wären wie jeder Bürger für ihre Finanzen selbst verantwortlich und müssten mit dem Bankrott rechnen, wenn sie sich in Euro überschuldeten.

          Nicht allen Staaten würde das gefallen, sodass einige wohl wieder eigene Währungen als Kreditgeld einführen würden. Die Spreu von Staaten mit Weichgeld würde sich vom Weizen der Staaten mit Hartgeld trennen. So war es vor Beginn der EWU. Und so sollte es wieder sein, nachdem die Annahme, alle Staaten würden sich einer harten Einheitswährung anpassen, widerlegt wurde. Der Euro ist auf dem Weg zum unausweichlich erscheinenden Krebstod. Vollgeld könnte ihn retten.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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