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Mayers Weltwirtschaft : Die Politik treibt die Börsen

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Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Aktienkurse erreichen ständig neue Höhen. Schuld sind die Notenbanken – und neuerdings auch die Regierungen.

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          Obwohl der bisher längste Konjunkturaufschwung der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte Schwächen zeigt, steigt der Aktienmarkt weiter. Seit Beginn der Aktienhausse im April 2009 ist der Aktienindex S&P 500 mit nur vier Unterbrechungen in der längsten Expansion seit Beginn der achtziger Jahre um insgesamt 260 Prozent gestiegen. Was ist da nur los? Finanzmärkte sind komplex und werden meist von vielen Einflüssen vorangetrieben. Dennoch wage ich die Hypothese, dass ein wesentlicher Grund die Absicherung der Aktienmärkte durch die Politik ist.

          Als junger Volkswirt beim Internationalen Währungsfonds erlebte ich in Washington den Aktienmarktcrash vom September 1987. Alle traf der Schock, und wir stellten Vergleiche mit dem Crash von 1929 an. Erst einen Monat vorher hatte Alan Greenspan von Paul Volcker die Leitung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) übernommen. Doch Greenspan reagierte ohne Verzug und mit Wucht. Er senkte den Leitzins, die Federal Funds Target Rate, bis Februar 1988 um 0,8 Prozentpunkte, und der Aktienmarkt beruhigte sich. Die Fed gab abermals Hilfestellung, als der Markt von Mai bis Oktober 1990 um 16 Prozent fiel, und senkte den Zins bis 1992 um insgesamt 4,8 Prozentpunkte. Das Spiel wiederholte sich im Sommer 1998. Von Juli auf August fiel der S&P 500 um 15 Prozent. Dies veranlasste die Fed, ihren Leitzins in den Folgemonaten um 0,8 Prozentpunkte zu kürzen, obwohl die Wirtschaft keine Schwäche zeigte.

          Zu dieser Zeit wurde im Markt der Begriff des „Greenspan-Put“ geboren. Die Marktakteure hatten verstanden, dass die Fed mehr auf die Entwicklung am Aktienmarkt als in der Realwirtschaft reagierte. Damit stellte ihnen die Fed eine kostenlose Absicherung ihrer Aktienbestände, eben eine Verkaufsoption („Put“), zur Verfügung. Man musste nur die Nerven behalten – und bei einem Einbruch der Aktienkurse auf die Fed warten, statt zu verkaufen –, um Kursgewinne einzufahren. Das funktionierte dann auch beim Aktiencrash von 2000 bis 2002, in dem der S&P 500 um 46 Prozent fiel. Die Fed senkte den Leitzins um 5,5 Prozentpunkte, und der Index kletterte bis 2007 wieder auf den Stand vor dem Crash.

          Anfang 2006 übergab Alan Greenspan das Zepter in der Fed an Ben Bernanke. Auch dieser übernahm die Versicherung der Märkte und aktivierte den „Bernanke-Put“ in der Großen Finanzkrise von 2007/08. Der S&P 500 fiel zwischen Oktober 2007 und Februar 2009 um stolze 53 Prozent, und die Fed senkte ihren Leitzins um 4,3 Prozentpunkte in dieser Zeit. Mit dem Wechsel von Ben Bernanke zu Janet Yellen Anfang 2014 war die Marktabsicherung durch die Zentralbank inzwischen so etabliert, dass sich ihre Bezeichnung unter Marktteilnehmern zu „Fed-Put“ wandelte. Wer immer die Notenbank auch führen würde, der Put würde bestehen bleiben. Das bestätigte auch der gegenwärtige Fed-Vorsitzende Jerome Powell, als er nach dem Markteinbruch im vierten Quartal 2018 den Kurs der Geldpolitik von Zinserhöhungen auf Senkungen umstellte.

          Doch das Gesetz des abnehmenden Grenzprodukts gilt auch für die Geldpolitik: Je tiefer die Zinsen sinken, desto weniger effektiv wird sie zur Stabilisierung der Wirtschaft. Der „Fed-Put“ verblasst. Die Märkte scheint das nicht zu stören. Der Grund dafür könnte sein, dass der „Fed-Put“ durch die Verbindung mit einem „Fiskal-Put“ abermals aufgeladen werden kann. In den Vereinigten Staaten kümmert sich die Regierung von Donald Trump herzlich wenig um die Kontrolle des Staatsdefizits. Trump hatte daher kein Problem, den Aktienmarkt trotz höherer Defizite mit einer Senkung der Unternehmensteuern zu beglücken. Und im Euroraum forderte der frühere EZB-Präsident Mario Draghi in seiner letzten Pressekonferenz die Fiskalpolitik auf, den Stab von der nach langer Expansion ermatteten Geldpolitik zu übernehmen. Seine Nachfolgerin Christine Lagarde erneuerte in ihrer ersten Rede am Finanzplatz Frankfurt diese Aufforderung.

          Die Europäische Kommission zeigt sich zunehmend nachsichtiger gegenüber Ländern, die eine lockerere Fiskalpolitik verfolgen, als es die Regeln des Fiskalpakts erlauben. Und Kommissionschefin von der Leyen will einen „Green Deal“, dessen Finanzierung die Europäische Zentralbank zumindest teilweise durch „Green Quantitative Easing“ – den Ankauf von Anleihen zur Finanzierung grüner Projekte – übernehmen könnte. Auch in Deutschland drängen Verbände, Ökonomen und nun auch Teile der großen Koalition auf eine expansivere Fiskalpolitik. All dies gibt den Finanzmärkten die berechtigte Hoffnung, dass die Politik auch weiterhin alles tun wird, um einen Fall der Aktienkurse und eine damit möglicherweise verbundene Rezession zu verhindern.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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