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Mayers Weltwirtschaft : Wir Weltmeister

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Alle Welt wirft Deutschland seine hohen Exportüberschüsse vor. Doch am Ende leiden wir selbst darunter am meisten.

          Deutschland sonnt sich gerne im Titel des Exportweltmeisters. Weniger erstrebenswert ist der damit verbundene Titel des Weltmeisters in Exportüberschüssen, denn der Titelinhaber wird regelmäßig von einer großen Koalition von Regierungsvertretern der Defizitländer und neokeynesianischen Ökonomen angefeindet.

          Nun ist es wieder soweit. Im ersten Halbjahr dieses Jahres hat Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss von rund 164 Milliarden Dollar angehäuft. Dagegen verblassen die Überschüsse der anderen „bösen Buben“ China und Japan von 110 beziehungsweise 87 Milliarden Dollar. Mit mehr als neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts dürfte der Leistungsbilanzüberschuss dieses Jahr einen Rekordwert erreichen. Bei der Jahrestagung des IWF war folglich wieder zu hören, dass die Deutschen mit ihrer Konsumverweigerung dem Rest der Welt Wohlstand und Arbeitsplätze raubten. Zur Stimulierung des privaten und des öffentlichen Konsums müssten die Löhne und Staatsausgaben herauf- und die Steuern heruntergesetzt werden. Doch wird der Schaden nur größer, wenn ein außenwirtschaftliches Ungleichgewicht mit der Erzeugung von binnenwirtschaftlichen Ungleichgewichten bekämpft wird.

          Kein Anpassungsbedarf bei Löhnen und Haushalt

          Die flexiblere Anpassung der Löhne und stärkere Berücksichtigung der Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt haben wesentlich dazu beigetragen, dass die harmonisierte deutsche Arbeitslosenrate auf zuletzt 4,2 Prozent gefallen ist. Von der Politik erzwungene stärkere Lohnerhöhungen würden die Arbeitslosigkeit schnell wieder steigen lassen. Auch liegt die Sparquote der privaten Haushalte mit 9,7 Prozent leicht unter dem Durchschnitt seit der Wiedervereinigung, so dass von einer Konsumverweigerung keine Rede sein kann. Und schließlich ist ein ausgeglichener Staatshaushalt das mindeste, was man bei guter Konjunktur und milliardenschwerer Entlastung durch Nullzinsen erwarten sollte. Weder bei der Finanz- noch der Lohnpolitik gibt es folglich einen Anpassungsbedarf, der zu einer Verringerung des Leistungsbilanzüberschusses führen könnte. Was also läuft hier schief?

          Früher hätten die exorbitant hohen Leistungsbilanzüberschüsse zum Anstieg des Wechselkurses der D-Mark geführt. Die damit verbundene Verbilligung von Importen hätte die Nachfrage nach Importen erhöht und Kaufkraft für nicht handelbare „Binnengüter“ freigesetzt. Die Exportindustrie hätte geringere preisliche Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation wettmachen und daher mehr investieren müssen. Das Wachstum von Importen und Investitionen wäre gestiegen, während das der Exporte gefallen wäre. Der Druck, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren, hätte zugenommen, damit die Beschäftigung von der Produktion handelbarer Güter zur Produktion von Binnengütern hätte verlagert werden können.

          Der schwache Euro ist für Deutschland gefährlich

          Heute verhindert Deutschlands Mitgliedschaft in der Währungsunion diese Anpassungsprozesse. Aufgrund der geringeren Wettbewerbsfähigkeit anderer Mitgliedsländer bleibt der Wechselkurs des Euro auf einem für Deutschland zu niedrigen Niveau. Das bremst die Importe, hemmt die Produktion von Binnengütern und macht der Exportindustrie das Leben leicht. Die exportlastige deutsche Wirtschaft fühlt sich in der Unterbewertung des Wechselkurses pudelwohl. Warum sollte uns also das Gezeter über die maßlosen Exportüberschüsse kümmern?

          Dafür sprechen zwei Gründe: Erstens legen wir unsere Außenhandelsüberschüsse denkbar schlecht an. Die Bundesbank leiht dem Eurosystem rund 660 Milliarden Euro zinslos im Rahmen des Interbankenzahlungssystems Target 2 zur Finanzierung von Zahlungsbilanzdefiziten anderer Euromitgliedsländer. Und die Bundesregierung hat sich mit 113 Milliarden Euro an der Finanzierung von Finanzhilfen für die Krisenländer zu Vorzugszinsen beteiligt. Eine rentierliche Anlage dieser Gelder würde im Jahr an die 30 Milliarden Euro mehr an Kapitaleinkommen bringen.

          Zweitens führt die niedrige Bewertung des Euro dazu, dass es sich die deutsche Wirtschaft bequem machen kann. Statt sich die Finanzüberschüsse der privaten Haushalte zu leihen, um zu investieren, häufen die Unternehmen selbst immer höhere Ersparnisse an, die der Finanzsektor und der öffentliche Sektor ins Ausland schaffen. Auf diese Weise kam 2015 ein die Leistungsbilanz widerspiegelnder gesamtwirtschaftlicher Finanzüberschuss von 263 Milliarden Euro zusammen. Genährt wurde er von einem Überschuss der Unternehmen von 121 Milliarden und der privaten Haushalte von 145 Milliarden. Durch das süße Gift des schwachen Euro werden die Firmen ihre Konkurrenzfähigkeit verlieren. Dann wird der Exportüberschuss schwinden, aber auch unser Wohlstand.

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