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Mayers Weltwirtschaft : Wer hat Schuld an der Not der Sparer?

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Draghi sagt, ich bin es nicht. Doch hier irrt der EZB-Präsident.

          3 Min.

          Die meisten Volkswirte und Politiker machen die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank dafür verantwortlich, dass sich Sparen in Deutschland nicht mehr lohnt. EZB-Präsident Mario Draghi hat dagegen ins Feld geführt, dass die EZB nur einen begrenzten Einfluss auf die Zinsen am Kapitalmarkt hat. Der Grund für die niedrigen Anlagezinsen, so kann man Draghi interpetieren, ist in der hohen Sparneigung und mangelnden Investitionstätigkeit in Deutschland zu suchen. Mit dieser Sicht ist Draghi nicht allein. Auch Ben Bernanke, der scheidende Chef der amerikanischen Federal Reserve, hat als Grund für niedrige Kapitalmarktzinsen eine Ersparnisschwemme angeführt, der keine entsprechende Nachfrage von Investoren nach Kapital gegenübersteht.

          Was ist denn der langfristige Zins?

          Nun kann aber der Zins für längerfristige Anlagen in eine Folge von Zinsen für kurzfristige Anlagen zerlegt werden. Liegt also zum Beispiel der Zins für Termineinlagen mit einjähriger Laufzeit bei 0,5 Prozent und der Zins für Sechsmonatsgeld bei (aufs volle Jahr gerechnet) 0,3 Prozent, so beträgt der in sechs Monaten erwartete Zins für Sechsmonatsgeld rund 0,7 Prozent.

          Die Probe aufs Exempel ist einfach: Sechsmonatsgeld einmal zu 0,3 Prozent und zum zweiten Mal zu 0,7 Prozent angelegt, rentiert im Schnitt mit rund 0,5 Prozent aufs Jahr. Die Reihe kann man nun weiter herunterbrechen. Wird zum Beispiel heute für Dreimonatsgeld 0,2 Prozent bezahlt, so muss der Satz für Dreimonatsgeld in drei Monaten bei 0,4 Prozent liegen, um mit einem Satz von 0,3 Prozent für Sechsmonatsgeld konsistent zu sein. Danach gilt ein Satz für Sechsmonatgeld von 0,7 Prozent, der mit Sätzen für Dreimonatsgeld von 0,6 und 0,8 Prozent übereinstimmt.

          Wenn sich nun der Satz für Dreimonatsgeld mit dem Leitzins der EZB verändert, so ergibt sich aus der beschriebenen Zinsstruktur die Erwartung, dass die EZB nach Ablauf des ersten Quartals ihren Leitzins drei Mal um 0,2 Prozent pro Quartal erhöht. Es sind also im Wesentlichen die Erwartungen für die zukünftige Entwicklung des Leitzinses der EZB, die den Zins am Kapitalmarkt bestimmen.

          Wie bilden sich Inflationserwartungen?

          Das führt zu der Frage, wie denn die Anleger ihre Erwartungen für die künftigen EZB-Zinsen bilden. Vor der Finanzkrise gab die EZB über die ganz kurze Frist hinaus den Anlegern keine Hilfe bei der Bildung von Erwartungen künftiger Zinsen. Sie betonte, dass sie die Leitzinsen jeden Monat an Hand der Aussichten für die künftige Entwicklung der Inflation überprüfen und bei Änderungen dieser Aussichten gegebenenfalls die Leitzinsen anpassen würde, wobei sich unter EZB-Präsident Trichet eine Vorwarnzeit von einem Monate eingebürgert hatte.

          Wollten sich die Anleger eine Meinung über die künftige Entwicklung der Leitzinsen und dadurch über die Zinsen am Kapitalmarkt bilden, so mussten sie die zukünftigen Inflationsprognosen der EZB erahnen. Dabei kam es nicht auf die richtige Prognose der Inflation selbst, sondern auf die richtige Prognose der Inflationsprognose der EZB an. Machte die EZB einen Prognosefehler, so lag der Anleger am Markt schief, der diesen Fehler vermied, und es lag derjenige richtig, der denselben Fehler machte. Zahlreiche Reden und Kommentare von Mitgliedern des EZB-Rats und Publikationen des EZB-Stabs sollten es den Anlegern erleichtern, die Denkweise der EZB zu verstehen und ihre Erwartungen künftiger Leitzinsen entsprechend zu bilden. Schon vor der Finanzkrise spielte die EZB also schon eine ganz wesentliche Rolle für die Festlegung der Zinsen am Kapitalmarkt.

          Im Zuge der Finanzkrise wurde die Rolle der EZB für die Festlegung der Kapitalmarktzinsen noch wichtiger. Seit der Sitzung des Zentralbankrats im Juni 2013 folgt die EZB dem Beispiel anderer Zentralbanken und gibt den Anlegern explizite Hilfestellung bei der Bildung von Erwartungen für zukünftige Leitzinsen. Seit dieser Zeit lässt EZB Präsident Draghi die Anleger wissen, dass die Leitzinsen für längere Zeit auf dem gegenwärtigen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden.

          Die Aussicht niedriger oder niedrigerer Leitzinsen für die vorhersehbare Zukunft beeinflusst natürlich auf die oben beschriebene Weise die Zinsen am Kapitalmarkt. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die niedrigen Zinsen angemessen sind. Allein entscheidend ist, wie lange die EZB ihre eigene Einschätzung der Angemessenheit niedriger oder niedrigerer Zinsen aufrechterhält. Ein Hinweis daraus gibt die Inflationsprognose des EZB-Stabs. Danach dürften uns die Niedrigzinsen noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

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