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Mayers Weltwirtschaft : Weniger Staat!

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Werden die Finanzmärkte zu stark reguliert, vernichtet dies Wohlstand.

          Karl Popper beschrieb die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis als kontinuierlichen Prozess. Hypothesen werden aufgestellt und getestet. Diejenigen, die sich nicht empirisch verwerfen lassen, gehen in den Kanon unseres Wissens ein. Dort bleiben sie so lange, bis sie durch neue Fakten widerlegt sind. Die Wissenschaft entwickelt sich auf diese Art im freien Wettstreit der Ideen kontinuierlich fort.

          Vertreter der herrschenden Lehre
          bilden ein Kartell 

          Thomas Kuhn sah dies wesentlich pessimistischer. Nicht falsifizierte Hypothesen bilden ein wissenschaftliches Paradigma, das durch seine Autoren nicht nur geschaffen, sondern auch verteidigt wird. Wissenschaftliche Erkenntnis entwickelt sich in Sprüngen. Ist ein wissenschaftliches Paradigma einmal etabliert, prallen Fakten, die es teilweise oder gänzlich in Frage stellen, zunächst an ihm ab. Die Vertreter der herrschenden Lehre bilden ein Kartell. Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, muss in das Kartell eintreten, indem er den Kardinälen der herrschenden Lehre huldigt. Jünger werden in das Kartell aufgenommen, Häretiker abgewiesen. Wenn sich Fakten zu einer kritischen Masse häufen, welche die herrschende Lehrmeinung in Frage stellt, vereinen sich die Häretiker zu neuen Schulen, die mit der herrschenden Lehre konkurrieren. Die Kardinäle des herrschenden Paradigmas begegnen der Herausforderung, indem sie die Reihen des Kartells fester schließen. Mit zunehmender Menge widersprüchlicher Fakten geraten sie jedoch immer mehr in die Defensive. Der Sieg der Häretiker ist vollkommen, wenn die alten Kardinäle schließlich ihren Einfluss verlieren.

          Die Finanzkrise hat
          neue Fakten geschaffen

          Die Debatte in der Finanzökonomie scheint derzeit dem Skript von Thomas Kuhn zu folgen. Obwohl die Finanzkrise neue Fakten geschaffen hat, die mit dem Paradigma rationaler Erwartungen und effizienter Finanzmärkte nicht erklärt werden können, halten die in den Universitäten und Zentralbanken ansässigen Vertreter der herrschenden Lehre an diesen Theorien immer noch fest. Am deutlichsten sichtbar wird dies in der Geldpolitik, wo weiterhin Inflationsziele mit den alten Methoden verfolgt werden, obwohl gerade dieser Ansatz den wichtigsten Beitrag zur Entstehung der Finanzkrise geleistet hat. Doch werden die Vertreter des herrschenden Paradigmas nun von Kritikern bedrängt, die von der Irrationalität der Wirtschaftsakteure und Ineffizienz der Finanzmärkte ausgehen.

          Verhaltensorientierte Ansätze gewinnen in der Wirtschafts- und Finanzwissenschaft an Einfluss und streben die paradigmatische Vorherrschaft an. Zu bedenken ist dabei, dass ein auf der Annahme individueller Irrationalität und Ineffizienz der Finanzmärkte beruhendes neues Paradigma einem paternalistischen Staat den Weg bahnt. „Irrationalen Individuen“ muss mit staatlicher Hilfe zu besseren wirtschaftlichen Entscheidungen verholfen werden, und „ineffiziente Finanzmärkte“ müssen vom Staat gesteuert werden. Woher aber soll der Staat das Wissen nehmen, um bessere Entscheidungen zu treffen als die Individuen?

          Bevor wir dem paternalistischen Staat das Feld überlassen, sollten wir uns fragen, ob ein auf Irrationalität und Ineffizienz der Märkte beruhendes neues Paradigma die richtige Antwort auf das in Bedrängnis geratene alte Paradigma ist. Die dort unterstellte objektive Rationalität, die in der Annahme gipfelt, die Akteure würden die Funktionsweise der Wirtschaft vollständig verstehen und alle verfügbaren Informationen für ihre Entscheidungen heranziehen, hat sich als unhaltbar erwiesen.

          Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass die Akteure irrational handeln. Plausibler ist es, dass ihre Handlungen von subjektiver Rationalität bestimmt sind. Individuen entscheiden naturgemäß auf der Basis ihrer begrenzten Kenntnisse ökonomischer Zusammenhänge und unvollständiger Information. Durch die Teilnahme am Markt können sie aber ihren Kenntnis- und Informationsstand erweitern. Marktpreise spiegeln daher nicht objektive Information wider, wie im Paradigma der objektiven Rationalität behauptet. Sie sind auch nicht das Ergebnis irrationaler Handlungen, wie im Paradigma der Irrationalität unterstellt. Vielmehr befördern sie den Erkenntnisprozess subjektiv rational handelnder Individuen. Das Resultat ist höherer wirtschaftlicher Wohlstand.

          Das Konzept subjektiver Rationalität ist die Grundlage der österreichischen Schule der Ökonomie. Es kann mit „Irrationalität“ verwechselt werden, die Verwechslung hat jedoch schwerwiegende Folgen. Statt den Markt als ein Entdeckungsverfahren zu begreifen, verordnet man ihm eine staatliche Zwangsjacke. Die Ergebnisse sind in der Finanzmarktregulierung zu besichtigen.

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