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Mayers Weltwirtschaft : Die Schweiz und das Vollgeld

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Schweizer stimmen über das Vollgeld ab. Die Idee, ein Geldsystem ohne übermäßige Schulden zu schaffen, hat einiges für sich.

          An diesem Sonntag stimmen die Schweizer Bürger über den Umbau ihres Geldsystems ab. Dabei geht es um eine völlige andere Art, Geld in den Umlauf zu bringen. Es ist, als ob man die Schweizer fragte, ob sie ihr Auto in Zukunft lieber mit dem Elektromotor als mit dem Verbrennungsmotor antreiben wollten. Der Charme der Schweizer direkten Demokratie besteht darin, dass sie ihre Bürger für mündig genug hält, sich über solch grundlegende Fragen ein Urteil zu bilden. Die Deutschen lässt man höchstens einmal über den Bau eines Bahnhofs abstimmen.

          Heutzutage wird in der Schweiz, wie anderswo auch, das Geld über die Kreditvergabe der Banken geschaffen. Vergibt die Bank einen Kredit, schreibt sie dem Kreditnehmer den im Kreditvertrag vereinbarten Betrag auf dem Girokonto gut. Entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis holen sich die Banken nicht Spargelder, um diese zu verleihen, sondern sie schaffen Geld, indem sie Kredite vergeben. Will der Kreditnehmer nun das für ihn geschaffene Geld nicht per Überweisung, sondern bar ausgeben, leiht sich die Bank das Bargeld von der Zentralbank und verpfändet den Kredit dafür als Sicherheit. Erst kommt also der Kredit, dann das Giralgeld und schließlich – wenn der Kunde das will – das Bargeld in die Welt.

          Die Art und Weise, wie unser Kreditgeldsystem funktioniert, kann man ganz gut mit einem Verbrennungsmotor vergleichen. Dem Ölkreislauf entspricht der Kreislauf des Zentralbankgeldes, das die Banken in elektronischer Form und der Kunde in Papierform erhalten kann. Das Zentralbankgeld schmiert den Motor. Dem Wasserkreislauf entspricht die Bankenaufsicht. Sie soll dafür sorgen, dass der Motor nicht überhitzt und kaputtgeht. Dem Benzinkreislauf entspricht die Kreditvergabe der Banken, durch die die Wirtschaft angetrieben und mit Geld versorgt wird. Und schließlich entspricht die Zentralbank dem Fahrer, der einmal mehr oder weniger Gas gibt. Sie beeinflusst über ihre Zinspolitik die Kreditvergabe und Geldschaffung der Banken. Leider entstehen beim Betrieb des Kreditgeldsystems – wie auch beim Betrieb des Verbrennungsmotors – schädliche Abgase, die zu Smogbildung führen. Dichter Smog entspricht den mehr oder weniger großen Banken- oder Finanzkrisen.

          Die Initiatoren der Schweizer Abstimmung wollen die Gelderzeugung durch Kredite der Banken abschaffen und dies allein der Zentralbank überlassen. Die Kreisläufe von Zentralbankgeld und Kreditgeld sollen in einem Kreislauf zusammengefasst werden. Wie bei einem Elektromotor soll allein der von der Zentralbank zugeführte Geldstrom die Wirtschaft emissionsfrei – also ohne größere Krisen auszulösen - versorgen. Die Banken verlieren ihre Antriebsfunktion und sollen den Kreditnehmern nur noch das von den Sparern eingelegte „Vollgeld“ ausleihen. Von Geldproduzenten sollen sie zu Vermittlern werden, also eine Art Fahrwerk, das die Antriebsleistung in Bewegung überträgt.

          Kritiker werfen den Geldrevolutionären vor, dass in ihrem Vollgeldsystem die Zinsen steigen und die Kredite weniger werden. Außerdem würde die Verstaatlichung des Geldes dessen Qualität kaum verbessern. Richtig daran ist, dass sich der Zins im Vollgeldsystem am Markt bilden würde und nicht mehr von der Zentralbank manipuliert werden könnte. Wenn er dadurch stiege, wäre das aber nur das Ende des von den Zentralbanken über Jahre betriebenen Zinsdopings. Ohne Doping würde sich die Wirtschaft langfristig gesünder entwickeln.

          Weshalb Geldwettbewerb gut ist

          Bedenklicher ist die Gefahr, die aus der Monopolstellung der Zentralbank bei der Gelderzeugung entsteht. Vollgeld eignet sich jedoch nicht zur Konjunktursteuerung, da es nach Erzeugung nicht wie Kreditgeld wieder eingezogen werden kann. Daher muss die Zentralbank auf eine langfristig orientierte und politisch unabhängige Ausweitung der Vollgeldmenge verpflichtet werden. Noch effektiver wäre es, wenn private Geldemittenten als Konkurrenten zum staatlichen Zentralbankgeld zugelassen würden. Bekanntlich profitiert der Kunde vom Wettbewerb unter Anbietern. Das gilt auch für den Nutzer von Geld. Gibt es mehrere Anbieter, werden diese ihre Geldemission so auslegen, dass sie dem Nutzer den größtmöglichen Vorteil bringt.

          Mit digitalem Geld dürfte der Umgang mit mehreren Währungen keine Schwierigkeiten machen. Bei Währungskonkurrenz müsste der Nutzer nicht länger darunter leiden, dass Geld als Instrument der Wirtschaftspolitik missbraucht wird. Es spricht also einiges für die Geldrevolution. Doch gelten die Schweizer nicht gerade als ein Volk von Revolutionären. Am Ende werden sie wohl kaum für den Umsturz des Geldsystems stimmen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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