https://www.faz.net/-gqe-82m4n

Mayers Weltwirtschaft : Technobanking: Geld ohne Staat

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

In den ärmeren Ländern der Welt ist spontan „Technobanking“ entstanden - ganz ohne Staatseinmischung. Viele Zahlungen werden übers Mobiltelefon geleistet.

          3 Min.

          „End Poverty“ ist in großen Buchstaben auf den Gehweg vor dem Hauptquartier der Weltbank in Washington gemalt. Im Inneren des Gebäudes erfährt der neugierige Besucher der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank, wie das gehen soll. „Wenn wir allen Menschen der Erde bis 2020 Zugang zu Finanzdienstleistungen verschaffen, dann können wir die Armut bis 2030 ausrotten“, erklärt Weltbankpräsident Kim. „Aha“, denkt der Besucher erleichtert, „die Banken sind also doch noch zu etwas nütze.“ Aber auf dem Podium, wo illustre Persönlichkeiten den Weg zur „finanziellen Inklusion“ diskutieren, sitzen keine Banker. Neben dem Weltbankpräsidenten, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen und (zur Verblüffung des Besuchers) der holländischen Königin sitzen die Chefs von Firmen, die sich mit Mobiltelefonie und unbarem Zahlungsverkehr befassen. Mit diesen Firmen wollen die internationalen Organisationen den unterversorgten Milliarden Zugang zu Finanzdienstleitungen verschaffen.

          Handys als beliebtes Zahlungsmittel

          Eine von der Bill und Melinda Gates Foundation finanzierte Studie liefert dazu das Zahlenmaterial. In Ländern mit geringem Einkommen haben im vergangenen Jahr 42,8 Prozent der Bevölkerung eine Zahlung über das Mobiltelefon geleistet. An der entsprechenden Stelle weist die Statistik für die Eurozone drei Punkte auf, was so viel heißen soll wie „kommt dort nicht vor“. Einer konventionellen Finanzfirma haben sich in den ärmeren Ländern für diese Dienstleistung gerade mal 15,4 Prozent bedient. In Ländern mit mittlerem Einkommen spielen Finanzinstitute zwar eine größere Rolle, aber auch dort setzt man auf neue Technologien statt alter Bankpraktiken, um die Versorgung der Bevölkerung mit Finanzdienstleistungen zu verbessern. „Zuerst kommt der Zahlungsverkehr, dann das Sparkonto und schließlich die Möglichkeit, einen Kredit aufzunehmen“, erklärt der Gouverneur der indischen Zentralbank die Entwicklung der Finanzdienstleistungen in den ärmeren Ländern.

          Bei uns dagegen, so hat man den Eindruck, steht am Anfang immer der Kredit. Bei der Beschreibung des aufstrebenden „Technobanking“ in den ärmeren Ländern kommt dem Besucher schließlich das Geld- und Finanzsystem des Südseevolks der Yap in den Sinn. Dieses freundliche Inselvölkchen im paradiesischen Urzustand benutzte steinerne Münzen so groß wie Mühlsteine zur Abwicklung seines Zahlungsverkehrs. Da es höchst unpraktisch war, Münzen dieser Größe und Schwere physisch vom Zahlungsgeber zum Zahlungsempfänger zu transportieren, beließ man sie an ihrem angestammten Platz, vermerkte aber die Zahlungsforderungen und Verpflichtungen auf ihnen. Die Aufgabe der Mühlsteine scheinen heute die Server der Telefongesellschaften zu übernehmen, auf denen die mit Mobiltelefonen angewiesenen Zahlungen verzeichnet werden.

          Staatliche Nichteinmischung als Erfolgsgarant

          Wie das Mühlsteingeld der Yap hat sich das „Technobanking“ in den ärmeren Ländern spontan und ohne staatlichen Anschub entwickelt. Möglicherweise schuf die staatliche Nichteinmischung sogar die Grundlage für seinen Erfolg. Die dunkle Seite der Kampagne der Weltbank für finanzielle Inklusion ist, dass sich dies nun ändern soll. Auf einem anderen Podium sitzt der Chef einer internationalen Behörde zur Bankenaufsicht und bietet den staatlichen Behörden die Hilfe seiner Organisation bei der Regulierung der neuen Finanzdienstleistungen an. Noch wird jede Bemerkung zur Regulierung mit der Aufforderung verbunden, die Schraube nicht zu überdrehen. Gleichzeitig wird aber im Namen des Verbraucherschutzes das Einfallstor für den Staat aufgemacht.

          Schade, denkt der Besucher. Warum geht man auf beinahe selbstverständliche Weise davon aus, dass heute nicht mehr gehen soll, was bei den Yap möglich war: ein auf Vertrauen basierendes Geldsystem ohne staatliche Gängelung? Kann man denn den Regierungen mehr vertrauen als den Firmen und Bürgern, die sich in einem auf Mobiltelefonie gegründetem Zahlungssystem selbst organisiert haben? Vermutlich geht es aber gar nicht wirklich um den Verbraucherschutz. Sobald über die Vergabe von Krediten neues Geld geschaffen wird, fällt ein Gewinn, genannt Seigniorage, an. Dieser Gewinn entsteht dadurch, dass der Kredit höher verzinst wird als das damit geschaffene Geld. In unserem heute existierenden Kreditgeldsystem geht dieser Gewinn an die Banken, die von den Staaten streng reglementiert und überwacht werden. Bei der Kreditgewährung und Geldschaffung über das Mobiltelefon könnte dieser Gewinn an die Telefongesellschaften gehen, die das System betreiben. Grund genug für die Regierungen, ein Auge auf diese Entwicklung zu werfen. Es könnte sich für sie ja eine neue Einnahmequelle erschließen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

          Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

          In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.