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Mayers Weltwirtschaft : Sterbehilfe für den Sparer

  • -Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Zentralbanken wollen verhindern, dass Menschen zu viel sparen. Deshalb halten sie die Zinsen niedrig – und kurieren damit die Wirtschaft zu Tode.

          Kürzlich war ich Gast in einer Fernsehtalkshow. Einer der Teilnehmer behauptete, die Zinsen seien so niedrig, weil zu viel gespart würde. „Praktische Männer, die glauben, von irgendwelchen intellektuellen Einflüssen befreit zu sein, sind meist Sklaven eines verstorbenen Ökonomen.“ Der Satz von John Maynard Keynes hätte dazu gepasst, wäre in dieser Runde aber nur auf Unverständnis gestoßen. Den Lesern meiner Kolumne traue (und mute) ich da mehr zu.

          Die These von der Ersparnisschwemme geistert seit biblischen Zeiten durch die Welt („Mancher teilt aus und bekommt immer mehr, ein anderer kargt übers Maß und wird doch ärmer“, Sprüche 11,24). In den 1920er Jahren brachten Waddill Catchings und William Foster sie dem breiten Publikum bei. Sie stellten die Theorie auf, dass es zwar für den Einzelnen Sinn mache, zu sparen, es aber zu Nachfragemangel und Rezession führe, wenn alle dies täten. Um die Theorie unters Volk zu bringen, setzten sie ein Preisgeld von 5000 Dollar für denjenigen aus, der die besten Gegenargumente liefern würde. Die Rechnung ging auf und die Theorie von Catchings und Foster wurde als „Sparparadox“ berühmt. So richtig passte sie allerdings nicht in die Zeit. In den „Roaring Twenties“ boomten Wirtschaft und Aktienmarkt, von Nachfragemangel keine Spur. Catchings drehte als Chef von Goldman Sachs das ganze große Rad und legte finanziell hoch gehebelte Investment Trusts auf.

          Keynes' Sparparadox wurde Mainstream

          Als Goldman Sachs nach dem Aktienkrach von 1929 deswegen an den Rand des Ruins kam, verlor Catchings nicht nur seinen Job, sondern er verlor auch das Sparparadox an den ökonomischen Großmeister der Depression. Keynes baute es in seine Theorie ein. Dass Friedrich von Hayek das Paradox schon 1929 detailliert kritisiert hatte, störte Keynes wenig. Hayek hatte Catchings und Foster vorgeworfen, verkannt zu haben, dass Ersparnisse dazu verwendet werden, den Produktionsprozess von Konsumgütern tiefer zu gliedern. Mehr Kapital werde gebildet, um mehr Konsumgüter herzustellen. Der Zins spiegle die Zeitpräferenz der Akteure wider und steuere die Tiefe des Produktionsprozesses. Da auch die in den Vorstufen der Konsumgüterproduktion Beschäftigten mit den in der Endstufe hergestellten Konsumgütern versorgt werden müssten, führe Ersparnis keineswegs zu einem Konsumgüterüberschuss. Weil Catchings und Foster, wie später auch Keynes, in Aggregaten statt Strukturen dachten, passte das Sparparadox in ihr Weltbild. Mit Keynes’ Aufstieg zum Lordsiegelbewahrer des ökonomischen Mainstream fand das Paradox Eingang in jede Einführungsvorlesung der Volkswirtschaftslehre.

          Im Jahr 2005 erhob es der frühere Chef der amerikanischen Notenbank Fed, Ben Bernanke, zum Dreh- und Angelpunkt der Politik. Eine aus den Schwellenländern über die Vereinigten Staaten hereinbrechende Schwemme an Spargeldern führe zum Verfall der Zinsen, klagte er. In den Folgejahren gingen die Kapitalexporte aus den Schwellenländern wieder zurück, doch die Zinsen fielen weiter. Nach Bernankes Theorie hätten sie steigen müssen. Aber das störte die Verfechter des Sparparadox keineswegs. Larry Summers, Großökonom und einst amerikanischer Finanzminister, identifizierte auf einer Konferenz des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2012 die globale Sparschwemme als einen der Gründe für einen negativen realen Gleichgewichtszins. Für viele Zentralbanker war das der Freibrief für die Erzwingung von Niedrigzinsen auf den Kapitalmärkten. Sie sahen sich ermächtigt, die Wirklichkeit einer fragwürdigen Theorie anzupassen, deren Gültigkeit für sie feststand. Seither ächzt der Sparer unter einer Politik, die Keynes treffend die „Euthanasie des Rentiers“ nannte.

          Wie die Medizin im Mittelalter

          Trifft das Sparparadox aber nicht zu, dann ist die wichtigste Folge der Zinsmanipulation der Zentralbanken, dass überschuldete Unternehmen, private Haushalte und Staaten vor dem Bankrott bewahrt werden. Diese Wirtschaftseinheiten sind zu schwach und kraftlos, um zu expandieren. Wirtschaft und Produktivität stagnieren und die Preise liegen wie Blei am Boden. Da die Zentralbank diese Symptome nicht als eine Folge ihrer eigenen Politik erkennt, sondern daraus die Notwendigkeit ableitet, ihre Politik zu verschärfen, verschlimmert sich die Lage. Das Fatale dabei ist, dass die Zentralbanken die Wirtschaft auf der Grundlage einer Theorie, für deren Gültigkeit es keine empirischen Belege gibt, womöglich zu Tode kurieren. Das erinnert an die Medizin im Mittelalter. Damals wurde der Kranke vom Arzt geschröpft, um ihn zu heilen. Blieb die Genesung aus, wurde er nur umso heftiger zur Ader gelassen, bis er entweder trotz Therapie auf natürliche Art wieder gesund wurde oder wegen ihr starb.

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