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Mayers Weltwirtschaft : Schwellenangst

  • -Aktualisiert am
Thomas Mayer
          3 Min.

          Eine von Warren Buffetts berühmten Lebensweisheiten lautet: „Erst wenn die Ebbe einsetzt, sieht man, wer nackt schwimmt.“ Jetzt, wo die Weltkonjunktur abebbt, zeigt sich, dass einige der bisher scheinbar bärenstarken Schwellenländer zumindest leicht bekleidet unterwegs waren. In der Gruppe der sogenannten Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) schlägt die Verlangsamung des Wachstums von Brasilien von 7,5 Prozent im Jahr 2010 auf von den Volkswirten der Deutschen Bank prognostizierte 1,9 Prozent 2012 besonders zu Buche.

          Aber auch die anderen Bric-Mitglieder verlieren zwischen 2010 und 2012 nach dieser Vorhersage an Schwung: Russland von 4,3 auf 4,0 Prozent, Indien von 10,3 auf 6,3 Prozent und China von 10,3 auf 7,9 Prozent. Die Folge davon ist, dass das Wachstum der Gruppe der Schwellenländer insgesamt über diesen Zeitraum von 7,8 auf 5,1 Prozent fallen dürfte. Ein Trost für die Schwellenländer mag dabei sein, dass die Konjunktur in den Industrieländern vermutlich noch mehr einbrechen wird, nämlich von 2,8 Prozent Wachstum in 2010 auf nur noch 1,4 Prozent in 2012.

          Strukturelle Wachstumshemmnisse in Indien

          Für die Verlangsamung des Wachstums der Bric-Staaten gibt es vor allem zwei Gründe. Zum ersten macht sich bei ihnen die Abkühlung der Konjunktur in den Industrieländern bemerkbar, die bedeutende Abnehmer ihrer Produkte sind. Zum zweiten zeigen sich nun die Folgen einer restriktiveren Geldpolitik, mit der die Zentralbanken die in den Jahren 2010 und 2011 steigende Inflation bekämpft haben. Angesichts der sowohl von der Außenwirtschaft als auch der Geldpolitik herrührenden Doppelbelastung ist die Abkühlung der Konjunktur kein Wunder. Bislang ist sie auch noch nicht bedenklich, eine harte Landung zeichnet sich nirgendwo ab.

          Allerdings gibt es nicht nur makroökonomische und damit vorübergehende Gründe für die Verlangsamung des Wachstums. Mit dem nachlassenden konjunkturellen Schwung werden auch strukturelle Wachstumshemmnisse deutlicher sichtbar. Am stärksten davon betroffen ist Indien, wo die Kraft der Politik zur Deregulierung der Wirtschaft und Sanierung der Staatsfinanzen erlahmt zu sein scheint. Dabei hatte gerade Indien seit den neunziger Jahren von einer Öffnung nach außen und einem Schuss mehr Marktwirtschaft nach innen gehörig profitiert. Pessimisten sehen nun die Gefahr, dass das Land unter dem Einfluss von Protektionismus auf die früher geltende „Hindu-Wachstumsrate“ von 3,5 Prozent zurückfällt.

          Russlands Abhängigkeit vom Öl

          Russlands Problem ist die Abhängigkeit der Wirtschaft von der Ölindustrie. Dies macht das Land nicht nur anfällig für Schwankungen des Ölpreises, sondern behindert auch die Entwicklung anderer Industrien, denen der übermächtige Ölsektor Kapital und Arbeitskräfte raubt. Für dieses Problem haben die Ökonomen nach ähnlichen Erfahrungen in den Niederlanden in den sechziger Jahren die Bezeichnung „holländische Krankheit“ gefunden.

          China muss seine exportlastige Wirtschaft mehr auf die heimische Nachfrage ausrichten. Dafür ist die Führung derzeit bereit, die Wachstumsraten herunterzusetzen. Qualität, also eine bessere Balance zwischen heimischen und fremden Quellen des Wachstums, soll Quantität ersetzen. Schließlich leiden auch die längerfristigen Wachstumsaussichten Brasiliens an der Neigung der Regierung, die freie Entfaltung der Wirtschaft durch Intervention zu behindern.

          Rückfall in den Protektionismus droht nicht

          Die nun sichtbaren konjunkturellen und strukturellen Wachstumsschwächen der BRIC-Staaten bedeuten allerdings nicht, dass damit ihre Jagd auf das Auf- und Überholen der Industrieländer abgeblasen wäre. Die überaus positiven Erfahrungen mit der Öffnung ihrer Volkswirtschaften seit den neunziger Jahren bleiben im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaften dieser Länder verankert. Ein Rückfall in den Dirigismus und Protektionismus der Zeit vor der Liberalisierung erscheint daher wenig wahrscheinlich.

          Darin unterscheiden sie sich grundsätzlich von den Industrieländern, wo die Finanzkrise starke Zweifel an einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung geweckt und staatlichen Interventionismus wieder hoffähig gemacht hat. Zusammen mit der Notwendigkeit, die während der Kreditblase aufgetürmte öffentliche und private Überschuldung abzubauen, wird dies in den Industrieländern zu einer noch deutlicheren Verlangsamung des Wachstums auf mittlere Sicht führen. Wenn sich auch die globalen Wachstumsraten verringern dürften, wird trotzdem der Abstand zwischen den Schwellen- und Industrieländern eher zu- als abnehmen. Die Wachstumspessimisten in unserer Wohlstandsgesellschaft mögen das schwächere Wachstum begrüßen. Dagegen werden Unternehmen und Investoren, denen an einer wachsenden Wirtschaft gelegen ist, die Schwellenländer noch mehr als früher im Blick haben müssen.

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