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Mayers Weltwirtschaft : Schaurige neue Anlegerwelt

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die niedrigen Zinsen verhindern, dass Anleihen die Anleger gegen Risiken der Aktien absichern. Es heißt umdenken in der Strukturierung der Depots.

          3 Min.

          Anleger hassen es, wenn der Wert ihres Wertpapierkontos ständig hin und her pendelt. Wie die Verhaltensforscher Daniel Kahneman und Amos Tversky gezeigt haben, schmerzen sie Verluste mehr als sie Gewinne von der gleichen absoluten Größe erfreuen. Unterm Strich bereiten ihnen daher Schwankungen Schmerzen und zwar umso mehr, je intensiver sie die Wertentwicklung ihres Depots verfolgen.

          Da die Finanzindustrie die Befindlichkeit ihrer Kunden kennt, versucht sie, ihnen einträgliche, aber dennoch schmerzfreie Anlagemöglichkeiten zu verkaufen. Sogenannte „Risikoparitätsfonds“ versprechen eine Rendite zu erwirtschaften, die der von Aktienfonds entspricht, mit Wertschwankungen so gering wie bei einem Anleiheportfolio. Um die Schwankungen zu dämpfen, hält der Fonds einen hohen Anteil seiner Mittel in Anleihen, und um zu verhindern, dass dadurch die Rendite fällt, finanziert der Fonds seine Anleihen mit Krediten. Durch den Kredithebel steigt die Rendite der Anlage in Anleihen weit über die einfache Anleiherendite hinaus. Andere Fonds, darunter die sogenannten „Mischfonds“, werden gezielt auf eine Verringerung der Wertschwankungen hin gemanagt. Die Anbieter versprechen eine „dynamische Assetallokation“, was heißen soll, dass der Fondsmanager am Höhepunkt des Marktes verkauft und am Tiefpunkt wieder einsteigt.

          Kursgewinne von Anleihen gleichen Verluste von Aktien aus - theoretisch

          Für Anleger, denen die Gebühren dieser speziellen Fonds zu hoch sind, hält die wissenschaftliche Portfoliotheorie den einfachen Rat bereit, sich ein Portfolio aus Anlagen zu konstruieren, deren Werte in unterschiedlichem Maß und wenn möglich auch noch gegenläufig schwanken. Fällt der Wert von Aktien während der Wert von Anleihen steigt, bleibt der Wert des gesamten Portfolios mehr oder weniger stabil. So weit die Theorie.

          Im Verlauf dieses Jahres hat sich jedoch gezeigt, dass keines der beschriebenen Rezepte zur Verringerung der Wertschwankungen noch funktioniert. In den Sommermonaten haben die meisten Fonds, die Wertstabilität versprochen hatten, hohe Einbrüche hinnehmen müssen. Auch die einfache Portfoliodiversifizierung hat nicht mehr vor Wertschwankungen geschützt. Der wesentliche Grund dafür war das Umfeld extrem niedriger Zinsen. Wenn die Rendite von Anleihen höchster Qualität bei oder unter null Prozent liegt, kann sie nicht mehr weit fallen. Im Umkehrschluss gilt, dass ihr Preis nicht mehr nennenswert steigen kann.

          Aktien und Anleihen verlieren gleichzeitig

          In diesem Umfeld bewegen sich die Preise von Aktien und Anleihen dann nicht mehr gegeneinander, sondern laufen miteinander. So fiel der Aktienindex Dax im Verlauf des Jahres um rund 21 Prozent von seinem Hoch- zum Tiefpunkt, der Preis der Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit um 7 Prozent und der mit dreißigjähriger Laufzeit gar um 25 Prozent. Bei solchen Bewegungen von Aktien und Anleihen können weder Risikoparitätsfonds noch traditionelle Portfoliodiversifizierung vor Schwankungen des Portfoliowerts bewahren.

          Wie aber steht es mit den „händisch“ gemanagten Mischfonds? Der Manager muss in jedem Zyklus zweimal ins Schwarze treffen: beim Verkauf und beim Einkauf und das immer wieder. Zahllose Studien haben gezeigt, dass dies auf Dauer nicht gelingen kann. Auch diesen Sommer hielt die „dynamische Assetallokation“ meist nicht das, was sie verspricht. Und da, wo noch rechtzeitig vor den Preiseinbrüchen bei Aktien und Anleihen verkauft wurde, darf man aufgrund der Forschungsergebnisse zu dieser Managementtechnik vermuten, dass mehr Glück als wirkliche Voraussicht der Marktentwicklung im Spiel war.

          Ausweg: Aktien lange halten

          In der neuen Welt der Nullzinsen und gleichlaufenden Preisentwicklungen verschiedener Anlageklassen hat der Anleger nur die Wahl zwischen zwei Vorgehensweisen: Er kann auf Ertrag verzichten und sein Geld zur Bank bringen, oder er lernt, zwischen Schwankungen und wirklichem Anlagerisiko zu unterscheiden.

          Wichtig ist für ihn ja, dass er seine Anlageziele über seinen Anlagehorizont hin erreicht. Daher besteht das wahre Anlagerisiko darin, dass diese Ziele am Ende der Anlageperiode verfehlt werden. Schwankungen während der Anlageperiode sind dagegen ohne größere Bedeutung für den Anlageerfolg. Je länger die Anlageperiode ist, desto weniger riskant ist es für den Anleger, in Aktien zu investieren, die eine höhere Rendite als Anleihen erwarten lassen. So zeigen historische Analysen, dass ein aus Aktien bestehendes Portfolio, das den amerikanischen Aktienindex S&P500 oder den Dax abbildet, über einen Zeitraum von 10 bis 12 Jahren bisher noch nie einen absoluten Wertverlust erlitten hat. Geld, das man für längere Zeit nicht braucht, kann man deshalb getrost in Aktien (oder höher rentierliche Unternehmensanleihen) anlegen. Für liquide Mittel bleibt leider nur das zinslose Bankkonto.

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