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Mayers Weltwirtschaft : Liebet die Reichen!

  • -Aktualisiert am

Knapp ein Drittel der Deutschen haben starke Neidgefühle gegenüber Reichen. Bild: dpa

Die Deutschen mögen Millionäre nicht besonders. Das können sich skrupellose Politiker zunutze machen.

          3 Min.

          Im Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten haben sich die Deutschen in der Vergangenheit nicht gerade ausgezeichnet. Dafür werden Minderheiten heute hofiert. Aber es gibt Ausnahmen. Wie der Soziologe Rainer Zitelmann in einer bemerkenswerten Studie zeigt, fallen darunter die Reichen. Befragt, wen man in der Öffentlichkeit besser nicht kritisieren sollte, nennen die Deutschen mit 67 Prozent am häufigsten Muslime. Die Reichen stehen mit 9 Prozent ganz unten in der Liste der elf zur Auswahl gestellten Gruppen. Nur die Christen schneiden mit 6 Prozent noch schlechter ab. Zitelmann nimmt sich der von Soziologen bisher nur wenig untersuchten Gruppe der Reichen an – und findet dabei Erstaunliches über die deutsche Gesellschaft heraus.

          In den für ihn vom Allensbacher Institut für Demoskopie und von Ipsos Mori im Mai und Juni 2018 ausgeführten Befragungen zeigt sich, dass die Deutschen ein überwiegend negatives Bild von Reichen (mit einem Vermögen von mindestens einer Million Euro) haben. Die fünf am häufigsten genannten Eigenschaften sind egoistisch (62 Prozent), materialistisch (56 Prozent), rücksichtslos (50 Prozent), gierig (49 Prozent) und überheblich (43 Prozent). Den Reichen hilft auch nicht, wenn sie Geld für wohltätige Zwecke spenden. Nur 14 Prozent erkennen das an, und 51 Prozent meinen, dass die Reichen sich dabei nur selbst etwas Gutes tun wollen.

          Viele Deutsche haben starke Neidgefühle

          Aber auch wenn den Reichen überwiegend schlechte Charaktereigenschaften unterstellt werden, beneidet man sie doch. 33 Prozent der Deutschen haben starke Neidgefühle, 32 Prozent neigen dazu und nur 34 Prozent empfinden keinen Neid. Nur die Franzosen können hier mithalten. Dagegen empfindet die Hälfte der Briten und Amerikaner keinen Neid gegenüber ihren reichen Mitbürgern. Ein wichtiger Grund für Neid ist die Vorstellung, dass Reichtum auf Kosten der Armen geht. 84 Prozent der eingefleischten deutschen Neider glauben, dass für die Armen umso weniger bleibt, je mehr die Reichen haben. Stellt man diese Frage den Anhängern der verschiedenen Parteien, so teilen vor allem die Anhänger von Linkspartei (72 Prozent), AfD (59 Prozent), SPD (55 Prozent) und Grüne (49 Prozent) entschieden diesen Glauben. Nur die Anhänger von CDU/CSU (36 Prozent) und FDP (37 Prozent) neigen zu Widerspruch.

          Politisch brisant wird die Einstellung einer Gesellschaft gegenüber ihren Reichen, wenn es darum geht, Sündenböcke für missliebige Umstände zu finden. 50Prozent der Deutschen sehen Superreiche als verantwortlich an für viele Probleme der Welt, wie beispielsweise Finanzkrisen oder humanitäre Krisen. In Großbritannien sind das nur 21 Prozent, in Amerika 25 Prozent und sogar in Frankreich nur 33 Prozent. Besonders ausgeprägt ist die Neigung, die Reichen für Probleme verantwortlich zu machen, in der Gruppe der eingefleischten Neider. In Deutschland gehören 62 Prozent, in den Vereinigten Staaten 57 Prozent, in Frankreich 46 Prozent und in Großbritannien 44 Prozent zu dieser Untergruppe.

          Thomas Mayer

          Die überwiegend negative Einschätzung der Minderheit der Reichen durch die Allgemeinheit ergibt sich aus der Art, wie soziale Gruppen wahrgenommen werden. Dies geschieht typischerweise in den Dimensionen von Wärme und Kompetenz. Gruppen, die als warm oder inkompetent empfunden werden, erscheinen sympathisch oder zumindest ungefährlich. Die Reichen empfindet man aber vielfach als kompetent und kalt. Deshalb werden sie – mit tatkräftiger Unterstützung der Medien – oft als unsympathisch und sogar gefährlich eingeschätzt. Das kann nicht nur für die Reichen, sondern für die Gesellschaft insgesamt zum Problem werden. Denn zur Maximierung von Wählerstimmen neigen Politiker dazu, die Steuerlast auf Reiche so zu überhöhen, dass Leistungsanreize verloren gehen und die Wirtschaft insgesamt leidet. In Krisenzeiten können skrupellose Politiker Neidgefühle nutzen, um die Wahrnehmung von Reichen als Sündenböcken zu befeuern, und dadurch die Diskriminierung bis hin zu gewalttätigen Ausschreitungen fördern.

          Obwohl Deutschland relativ gut durch die Finanz- und Eurokrise gekommen ist, sind die Rufe nach einer stärkeren Belastung der Reichen lauter geworden. In der nun drohenden Rezession müssen sie damit rechnen, zu Sündenböcken gemacht zu werden. Die Umfragen zeigen aber, dass Menschen, die Reiche persönlich kennen, weniger negative Vorurteile gegen sie haben. Also müssten sich die Reichen in der Gesellschaft so engagieren, dass man sie besser kennenlernt. Wenn das nicht hilft, bliebe vielleicht die Emigration nach „Brexitanien“, wo laut der Umfragen der Neid auf Reiche weniger ausgeprägt ist.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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