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Mayers Weltwirtschaft : Profiteure der negativen Zinsen

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Mit erstaunlicher Offenheit diskutieren EZB-Mitglieder über einen negativen Zins auf Bankeinlagen bei der Zentralbank. Welche Konsequenzen hätte das? Strafzinsen ärgern Sparer, freuen aber Hedgefonds, die Exportwirtschaft und den deutschen Staat.

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          Auf seiner Pressekonferenz im Dezember hat Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, die Tür für weitere Lockerungen der Geldpolitik offen gelassen. Unter den Möglichkeiten, die von EZB-Mitgliedern mit erstaunlicher Offenheit diskutiert werden, befindet sich auch ein negativer Zins auf Bankeinlagen bei der EZB. In der Diskussion über Nutzen und Konsequenzen dieser Maßnahme herrscht allerdings noch beträchtliche Verwirrung.

          Manche erwarten von einem Strafzins auf Bankeinlagen bei der Europäischen Zentralbank eine Umleitung des Geldes in Kredite an Unternehmen. Sie übersehen dabei jedoch, dass nicht das Angebot von Zentralbankgeld die Kreditvergabe der Banken treibt, sondern umgekehrt die Kreditvergabe die Nachfrage nach Zentralbankgeld.

          Ein Beispiel

          Vergibt die Bank einen Kredit, dann schreibt sie dem Kunden den Betrag auf seinem Girokonto gut. Für den Fall, dass der Kunde echtes Zentralbankgeld, also Banknoten, sehen will, leiht sich die Bank einen Teilbetrag des Giroguthabens bei der Zentralbank und hinterlegt diesen bei ihr auf einem Konto.

          Überweist nun der Kunde sein Guthaben auf eine zweite Bank, so muss die erste Bank von dieser den Betrag wieder zurückleihen. Weigert sich die zweite Bank, muss die erste Bank das Geld von der Zentralbank borgen, so dass ihre Verschuldung gegenüber dieser steigt. Da die zweite Bank aber keinen Kredit vergeben hat, bleibt ihr nichts anderes übrig, als das von der ersten Bank überwiesene Geld bei der Zentralbank auf ihr Einlagekonto einzuzahlen.

          Steuer für deutsche Banken

          So kommt es, dass Banken in den südlichen Ländern der Eurozone bei der EZB hochverschuldet sind, die deutschen Banken aber dort hohe Einlagen haben. Der Strafzins kann also keinen Kredit erzwingen, sondern wirkt einfach wie eine Steuer auf deutsche Banken.

          Nun könnte man hoffen, dass ein Strafzins auf ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank die deutschen Banken dazu bringen könnte, ihre Überschüsse an Zentralbankgeld wieder an die Banken im Süden auszuleihen.

          Diese Hoffnung wird sich jedoch als trügerisch erweisen, wenn die deutschen Banken das Ausfallrisiko eines Kredits an südliche Banken höher bewerten als den Strafzins. Solange weiterhin Unklarheit über die Qualität der Bilanzen der Banken im Euroraum besteht, dürfte dies der Fall sein.

          Was also könnte ein Strafzins überhaupt bewirken, außer die deutschen Banken zusätzlich zu belasten? Um die Kosten einer Abgabe auf ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank zu vermeiden, könnten die deutschen Banken kurzlaufende deutsche Staatspapiere kaufen. Der Staat würde den Erlös auf seinem Konto bei der Bundesbank einzahlen, ohne dafür mit einem negativen Zins bestraft zu werden.

          Diese Transaktion würde den Zins auf kurzlaufende deutsche Staatspapiere zur Freude des Finanzministers unter null drücken, aber vermutlich nicht ganz so weit wie auf den Strafzins für Bankeinlagen bei der Notenbank.

          Durch das Ausweichmanöver könnten die Banken also die Strafe verringern, wenn sie ihr auch nicht ganz entgehen können. Der negative Zins auf Staatsanleihen bringt nun weitere Spieler aufs Feld.

          Hedgefonds und andere risikofreudige Fonds könnten sich nun Kredite bei den Banken besorgen, indem sie die Staatspapiere bei den Banken als Sicherheit hinterlegen, mit ihnen also sogenannte Repogeschäfte machen. Die Hedgefonds würden den Banken einen etwas höheren Zins als den auf eine Direktanlage in Staatspapiere bieten, der aber immer noch unter null liegen könnte.

          Die Banken könnten so die Strafe weiter verringern, während die Hedgefonds noch dafür bezahlt würden, einen Kredit aufzunehmen. Da das Management von Wechselkursrisiken zu ihrer Kernkompetenz gehört, könnten nun die Hedgefonds diesen einträglichen Kredit dafür verwenden, Staatspapiere in einer anderen Währung zu kaufen, in der die Zinsen höher sind. Der Wechselkurs des Euro würde also anderen Währungen gegenüber sinken.

          Folge eines negativen Zinses: Schwächerer Euro

          Diese Überlegungen zeigen, dass der wohl wahrscheinlichste Effekt eines negativen Zinses auf Bankeinlagen bei der Europäischen Zentralbank ein schwächerer Euro wäre. Dies könnte für Exporteure in den Südländern durchaus hilfreich sein und dort die Aussichten auf das Wirtschaftswachstum verbessern.

          Fassen wir also zusammen: Profitieren würden von einem negativen Einlagezins der EZB die Exportwirtschaft im Euroraum, Hedgefonds und der deutsche Staat. Die Kosten würden bei den deutschen Banken anfallen, die einen Teil davon sicher an ihre Kunden in Form von niedrigeren Sparzinsen und Gebühren für Girokonten weitergeben würden. Offen bleibt, wie hoch der Strafzins sein muss, damit der Prozess in Gang kommt. Die Europäische Zentralbank könnte bald versuchen, dies herauszufinden.

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