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Mayers Weltwirtschaft : Mythos Geldflut

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Wer ist wirklich schuld an den niedrigen Zinsen?

          Wer ist für den Niedrigzins am Kreditmarkt verantwortlich? Stellt man diese Frage Zentralbankern, bekommt man die Antwort, sie könnten es nicht sein. Die Geldpolitik beeinflusse nur die kurzfristigen Zinsen und sei gezwungen, auf die blutarme Entwicklung der Wirtschaft zu reagieren. Die Welt leide am hohen Angebot an Ersparnissen und einer Schwäche der Investitionen. Das führe zur „säkularen Stagnation“ der Wirtschaft, mangelnder Nachfrage nach Krediten und ebenden niedrigen Zinsen.

          Die These von der „Ersparnisschwemme“ wird von so eminenten Ökonomen wie Ben Bernanke, Larry Summers und Carl Christian von Weizsäcker vertreten. Ein wesentlicher Grund für das Überangebot an Sparkapital sei der Wunsch der Menschen in unseren alternden Gesellschaften, für den Ruhestand vorzusorgen. Die dafür gebildete Ersparnis sei größer als die Nachfrage nach Kapital für rentierliche Investitionen. Die Folge seien niedrige bis hin zu negativen Kreditzinsen. Nun ist die These von der Ersparnisschwemme empirisch nicht klar belegbar. Aber nehmen wir einmal an, es gäbe sie tatsächlich. Würde dies wirklich die Kreditzinsen so drücken wie behauptet?

          Die Preise fallen

          Zur Beantwortung dieser Frage stellen wir uns eine Wirtschaft vor, in der eine größere Zahl älterer Menschen mehr sparen will, um ein Polster für den Ruhestand zu haben. Stagniert die Wirtschaft, gibt es keine rentablen Anlagemöglichkeiten. Folglich werden die künftigen Ruheständler einen Teil ihres Geldeinkommens horten, indem sie Bargeld unter der Matratze verstecken oder in ein Bankschließfach legen. Wird dieses Geld dem Konsum entzogen, fallen die Preise. Die Nutznießer dieses Effekts sind die Jüngeren, die sich bei gleichbleibendem Geldeinkommen mehr Waren kaufen können. Lösen die Älteren bei Eintritt in den Ruhestand dann ihre Ersparnis auf, erhöht sich die nominale Konsumnachfrage wieder. Da aber gleichzeitig die Produktion fällt, weil nun weniger Leute arbeiten, steigen die Preise kräftig an und entwerten das für die Altersversorgung angesparte Geldvermögen.

          Wächst die Wirtschaft, haben die künftigen Ruheständler ebenfalls die Möglichkeit, Geld einfach zu horten und damit die Preise zu drücken. Andererseits haben die Jüngeren nun den Anreiz, sich das gesparte Geld von den Älteren gegen eine Leihgebühr zu borgen, um es in die Produktion von Kapitalgütern zu investieren. Aus dem wirtschaftlichen Zuwachs, der mit diesen Kapitalgütern erzeugt wird, können sie die Leihgebühr begleichen. Mit der Leihgebühr, dem Zinseinkommen, können die Ruheständler ihre Konsumausgaben finanzieren, ohne dass die Jüngeren auf Konsum verzichten müssen.

          Wir sehen also: In einer stagnierenden Wirtschaft führt der Versuch, für den Ruhestand zu sparen, zur Geldhortung. Steigende Hortung führt zu fallenden und die spätere Ausgabe des gehorteten Geldes zu steigenden Preisen. Wächst die Wirtschaft jedoch, haben die Sparer die Wahl, Geld zu horten oder zu verleihen. Natürlich werden sie es nur verleihen, wenn sie dafür einen positiven Kreditzins bekommen. Die Möglichkeit, Geld zu horten, verhindert also Zinsen von null oder weniger. Entweder ist der Kreditzins positiv, weil es sich lohnt, Geld zu verleihen. Oder es gibt keinen Kreditzins, weil sich Geldverleihen nicht lohnt und es daher keinen Kreditmarkt gibt.

          Die Ersparnisflut ist nicht die Ursache

          Bisher sind wir davon ausgegangen, dass das Geldvolumen fest vorgegeben ist. In Wirklichkeit ist das ja nicht so. Die Banken produzieren Giralgeld, indem sie Kredite vergeben, und die Zentralbanken steuern diesen Prozess, indem sie über den Geldmarktzins den Kreditzins und damit die Geldnachfrage beeinflussen. Das Produktionsmittel für unser Geld sind Schulden: Der Kreditnehmer schuldet der Bank Geld, die dieses Geld wiederum den Einlegern schuldet. In diesem System stellt Deflation eine existentielle Bedrohung für die Schuldner und damit das Geld dar. Denn bei sinkenden Preisen und nominalen Einkommen kann die ausstehende Schuld den Schuldnern über den Kopf wachsen. Sind sie zahlungsunfähig, kollabieren die Kredite und das mit ihnen geschaffene Geld. Zur Abwehr der daraus entstehenden „Schuldendeflation“ setzen unsere Zentralbanken alles daran, die Kreditvergabe zu beleben und die Geldhortung zu verhindern. Deshalb sind sie gewillt, durch die Manipulation der Zinsen die Geldleihe zu subventionieren und die Geldhortung zu besteuern.

          Fazit: Auch wenn es die Ersparnisschwemme geben und die Wirtschaft stagnieren würde, so würde der Kreditzins ohne Manipulation durch die Zentralbanken keineswegs auf null oder darunter fallen. Die Konsequenz wäre Preisdeflation. Weil diese unser Kreditgeldsystem erschüttern würde, wird sie von den Zentralbanken mit allen Mitteln bekämpft.

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