https://www.faz.net/-gqe-8bm8u

Mayers Weltwirtschaft : Mein Jahr 2015

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Unser Kolumnist schreibt über Notenbanker ohne Skrupel und Griechen ohne Geld.

          5 Min.

          Wie war dein Tag? Wie war der Urlaub? Darauf ist leicht zu antworten. Per Konvention darf der Tag scheußlich bis wundervoll gewesen sein, der Urlaub muss immer als traumhaft beschrieben werden. Da gibt es nichts zu überlegen. Aber: Wie war dein Jahr? Darauf wird es still. Was war denn im vergangenen Jahr bloß alles los? Für das abgelaufene Jahr 2015 habe ich mein Thema entdeckt. 2015 erscheint mir als ein Jahr voller Zäsuren, im Großen wie im Kleinen.

          Beginnen wir mit dem „Kleinen“. Im Verlauf der Finanzkrise überschritt die Europäische Zentralbank (EZB) den Rubikon, der die herkömmliche Geldpolitik von der Experimentalpolitik trennt. Seither flutet sie die Wirtschaft mit Geld. Anfang 2015 öffnete sie der Geldflut eine weitere Schleuse, indem sie begann, pro Monat Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro zu kaufen. Bekanntlich war Caesars Putsch gegen den römischen Senat, der mit der Überschreitung des Flusses Rubikon begann, erfolgreich. Für die EZB sind die Aussichten schlechter. Sie hätte nur einen Blick auf Japan werfen müssen, wo seit Beginn des gewaltigen Kaufprogramms der Bank von Japan die Wirtschaft dahindümpelt und die Inflation bei null verharrt.

          Eine Notenbank, die die Inflation nicht mehr steuern kann

          Es hieß, EZB-Präsident Draghi sei besorgt gewesen, dass die EZB ihre Glaubwürdigkeit verlieren würde, wenn sie dabei zusehe, wie die Inflation weit unter ihrem Zielwert verharre. Noch schlimmer ist es aber, wenn für alle sichtbar wird, dass eine Zentralbank die Konsumentenpreisinflation nicht feinsteuern kann. In der Vergangenheit haben die Zentralbanken gezeigt, dass sie inflationäre Waldbrände löschen können. Aber sie sind bisher den Beweis dafür schuldig geblieben, dass sie die Inflation bis zur gewünschten Höhe hochregeln können. Die Nullzinspolitik führt zu Fehlallokation von Kapital und Arbeit, verringert das Produktivitätswachstum und führt die Wirtschaft in die Stagnation, die dann die Nullzinspolitik legitimiert.

          Fällt die Wirtschaft in die nächste Rezession, steht das Kreditgeldsystem praktisch vor seinem Ende. Die Banken würden mangels Mut zur Kreditvergabe kein Kreditgeld mehr schaffen, sodass sich die Zentralbank genötigt sehen würde, selbst geschaffenes „Helikoptergeld“ unter die Leute zu bringen. Das könnte die Inflation beflügeln. Doch könnte die Inflation flugs viel weiter steigen, als es der EZB lieb sein würde. Denn der entschlossene Kampf des Geldemittenten für Geldentwertung könnte die Leute veranlassen, aus dem Geld zu fliehen. Wer würde es ihnen verdenken?

          Einen Sicherheitspuffer im Depot gibt es nicht mehr

          Im August brach der Aktienmarkt ein und Panik unter den Anlegern aus. Wir lernten die schaurige neue Finanzwelt kennen: Hohe Volatilität und gleichlaufende Entwicklung der Finanzpreise. Dagegen ist kein Kraut der Portfolioversicherung oder Diversifizierung gewachsen. Denn wenn die Zinsen sicherer Staatsanleihen schon negativ sind, können sie kaum weiter fallen. Die Preise der Anleihen können daher nicht mehr steigen, wenn die Aktienpreise in die Knie gehen. Jedes Portfolio fährt dann Achterbahn, und Anleger können sich nur noch auf das ertragslose und wahrscheinlich bald gebührenpflichtige Bankkonto retten. Was kann man dagegen tun? Es gibt nur einen Ausweg: freies Geld langfristig in Aktien anlegen. Was kurz- bis mittelfristig gebraucht wird, muss in der Kasse bleiben, auch wenn dies womöglich Gebühren kostet.

          Auch in der „großen“ Politik gab es dieses Jahr Zäsuren. Segelte die Bundeskanzlerin lange vor dem Wind der Wählergunst, kam sie dieses Jahr in schwere See. Die zunehmende Betonung des Sozialen auf Kosten der Wirtschaft in unserer Sozialen Marktwirtschaft, die waghalsige Energiewende und die sehr kostspielige Euro-Rettung konnten ihr nichts anhaben. Aber der mit ihrer Billigung aufkommende unkontrollierte Zustrom von Flüchtlingen führte zu einem Riss zwischen ihr und ihrer Partei sowie der Wählergunst: Zäsur in der Ära Merkel.

          Manch deutscher Staatsbürger, dessen Pass nach einer Urlaubsreise auf dem heimischen Flughafen von Grenzbeamten akribisch geprüft wurde, fragte sich, wie es sein könne, dass gleichzeitig Zehntausende Bürger nahöstlicher Länder unkontrolliert über die Grenze zu Österreich nach Deutschland kommen konnten. Kann man geltendes Recht denn suspendieren, wenn es politisch opportun ist?

          Deutschland wappnet sich nicht für die nächste Rezession

          Mit Euro-Rettung und Energiewende wurde dazu schon Vorarbeit geleistet. Nun die Flüchtlingskrise. Aber wie versorgen wir die vielen mittellosen Ankömmlinge, wie integrieren wir Leute aus einem anderen Kulturkreis in unsere Gesellschaft? Oft hat die Krisenmanagerin Merkel Probleme dadurch entschärft, dass sie diese in die Zukunft verschoben hat. Das ging bei der Euro-Rettung, deren Kosten zukünftige Steuerzahler tragen müssen. Das ging noch bei der zentralgelenkten Energiewende, deren wirtschaftliche Kollateralschäden erst mit der Zeit sichtbar werden. Aber das ist vorbei, wenn während eines Jahres über eine Million Flüchtlinge ins Land strömen.

          „Wir schaffen das“, heißt es. Uns geht es doch hervorragend, weil die deutsche Wirtschaft brummt. Doch Moment mal: Wir hängen an der Weltkonjunktur und tun nichts dafür, uns für die nächste Weltrezession zu wappnen. Werden wir von der nächsten globalen Rezession ebenso kalt erwischt wie von dem Flüchtlingsstrom? Der Zauber der Krisenmanagerin Merkel ist gebrochen. Die Zäsur ist da. Wie es weitergeht, ist offen.

          Auch für die EU brachte dieses Jahr eine Zäsur. In der Euro-Rettungspolitik schien sich Anfang des Jahres eine Wende anzubahnen. Vom griechischen Wähler hatte Alexis Tsipras das Mandat erhalten, die Bedingungen der Kreditgeber für die Rettungsgelder abzuwerfen. Das Geld sollte bedingungslos fließen. Bei einem Besuch in Athen sprach ich mit Finanzminister Giannis Varoufakis über die Möglichkeit, mittels einer Parallelwährung zum Euro mehr politischen Handlungsspielraum zu bekommen.

          Meine Begegnung mit Varoufakis

          Obwohl Varoufakis eine ganz andere ökonomische Denkrichtung vertritt als ich, fand ich in ihm einen aufgeschlossenen Gesprächspartner. Als wir über den Syntagma-Platz zum Büro des Ministerpräsidenten spazierten, war ich beeindruckt, wie populär er war. Die Idee, die ich ihm vorschlug, lautete: Eine Parallelwährung sollte das dem Land durch den Euro aufgezwungene Korsett ein wenig lockern, ohne es ganz abzulegen. Klar war, dass dies nur mit Billigung Berlins gehen konnte. Doch die blieb aus.

          Tsipras’ Fehler war, offen gegen die Auflagen zu rebellieren, statt sie wie die vorherigen Regierungen formal zu akzeptieren und faktisch zu unterlaufen. Aber er war lernfähig. Nach der Fehlerkorrektur, publikumswirksam durch die Entlassung des Finanzministers untermauert, floss das Geld wieder und der Guerillakrieg gegen die Auflagen ging weiter wie bisher. Die Zäsur in der „europäischen Solidarität“ war suspendiert.

          Doch dann kam sie mit der Flüchtlingswelle. Nach der Währungsunion geriet nun das Schengener Abkommen in die Krise. Wegen der Flüchtlingskrise zerfiel die Europäische Union in drei Teile: die Aufnahmewilligen (Schweden, Deutschland, Österreich), die Unwilligen (Osteuropa und Großbritannien) und die Scheinheiligen, bei denen Worte und Taten weit auseinanderklafften (Frankreich und Italien). Für Deutschland bedeutet das eine doppelte Isolation in der EU. In der Währungsunion steht es nun gegen die „lateineuropäischen“ Länder, die es nicht so genau mit der Staatsverschuldung nehmen und die die EZB gerne als Finanzierungsquelle und Erfüllungsgehilfe für ihre Wirtschaftspolitik in Anspruch nehmen. In der Flüchtlingspolitik steht es gegen Osteuropa und Großbritannien.

          Europa als atmende Konföderation statt als starre Föderation

          Die Formel „Scheitert Schengen, scheitert der Euro, scheitert Europa“ nimmt uns in eine Pflicht, die wir nicht erfüllen können. Sie ist darauf angelegt, uns den Schwarzen Peter im Spiel um den europäischen Frieden in die Hände zu spielen. Machen wir uns nichts vor: Die Idee der immer engeren Integration in Europa ist gescheitert. Notwendig ist eine „optimale Integration“, die in wichtigen Bereichen unter dem Niveau der politisch erzwungenen immer engeren Integration liegt. Statt als Einheitswährung wäre der Euro als Angebot einer Gemeinschaftswährung aufzustellen, neben der auch andere nationale oder regionale Währungen möglich sind. Statt als Club ohne Ausschlussmöglichkeit nachlässiger Mitglieder müsste Schengen als variable Willensgemeinschaft verstanden werden, deren Mitgliedschaft nur durch laufende Anstrengungen zur Kontrolle der Außengrenzen unter allgemein akzeptierten Bedingungen erhalten werden kann. Kurz gesagt, statt als starre Föderation muss Europa als atmende Konföderation strukturiert werden, die die Souveränität der europäischen Völker respektiert.

          Für mich war 2015 also in vieler Hinsicht ein Jahr voller Zäsuren. Danach verläuft die Entwicklung oft anders als vorher erwartet. Vor vielen Jahren lud einer meiner früheren Arbeitgeber zu einer fetzigen Party mit dem Motto „Living on the Edge“. Gemeint war die ansteckende Emsigkeit und Aufregung, die alle in einem rasanten Bullenmarkt erfasst hatte. Zwischen Einladung und Party drehte der Markt jedoch vom „Boom“ zum „Bust“. Als die Party stieg, hatte „Living on the Edge“ für die Gäste auf einmal eine ganz andere Bedeutung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.