https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mayers-weltwirtschaft/mayers-weltwirtschaft-mario-draghis-dilemma-14843705.html

Mayers Weltwirtschaft : Mario Draghis Dilemma

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Eigentlich müsste die Europäische Zentralbank ihre Politik des billigen Geldes beenden. Dann aber würde die Eurozone zerfallen.

          3 Min.

          Die vorläufige Inflationsrate im Euroraum von 1,8 Prozent für den Januar war ein Warnschuss vor den Bug der Europäischen Zentralbank (EZB). Natürlich war die Inflation stark vom Anstieg der Energiepreise getrieben. Natürlich wird die Rate wieder zurückgehen, wenn der Sprung dieser Preise aus der Basis für die Jahresrate fällt. Und natürlich liegt die sogenannte Kerninflationsrate, die die Energiepreise ausschließt, immer noch bei weniger als 1 Prozent.

          Aber eines dürfte durch den Paukenschlag des Preisanstiegs im Januar klar geworden sein: Das Risiko einer Deflation liegt, falls es jemals wirklich existierte, hinter uns. Damit entfällt auch die Begründung für die aggressive Politik der quantitativen Lockerung der EZB, die mit diesem Risiko begründet wurde. Eigentlich müsste EZB-Chef Mario Draghi nun die Korrektur dieser Politik einleiten und den Ankauf von Anleihen von Staaten und Unternehmen auslaufen lassen. Das wird er aber nicht tun, zumindest nicht in der überschaubaren Zukunft. Stattdessen wird er die Inflation kleinreden und damit die Notwendigkeit der Fortsetzung von Käufen insbesondere der Anleihen der Eurostaaten begründen. Dies wird er tun, weil das Absetzen dieser Käufe die Existenz des Euro bedrohen könnte. Und Draghi hat versprochen, alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu erhalten.

          Draghis Dilemma rührt von dem janusköpfigen Charakter des Geldes her. Einerseits dient das Geld als Mittel zum Tausch und zur Aufbewahrung von Vermögenswerten. Andererseits wurde das Geld vom Staat seit tausenden von Jahren als Instrument zur Finanzierung seiner Ausgaben genutzt. Beide Funktionen liegen im Widerstreit miteinander. Wer Geld zum Tausch und als Mittel zur Wertaufbewahrung nutzen möchte, legt Wert auf die Stabilität seiner Kaufkraft. Der Staat legt dagegen Wert auf die Möglichkeit zur eigenen Schaffung von Geld, um sich mit einem ihm billig kommenden Mittel von seinen Bürgern geschaffene Güter und Dienstleistungen aneignen zu können. Schon in antiken Zeiten und im Mittelalter diente die Münzverschlechterung als Mittel zur Erzeugung von Staatseinnahmen. So sank im römischen Reich der Silbergehalt des Denarius von knapp 100 Prozent im Jahr 70 auf weniger als 5 Prozent im Jahr 270. Der Münzverschlechterung folgte immer der Vertrauensverlust in die Kaufkraft des Geldes und der Anstieg der Geldpreise von Gütern, Dienstleistungen und realen Vermögenswerten.

          Die Verlagerung der Geldproduktion auf private Banken und die Übertragung der Steuerung dieser Produktion durch eine unabhängige Zentralbank nahm den Staat aus der Schusslinie unzufriedener Geldnutzer. Nun übernahmen die Banken die Produktion von Giralgeld durch die Vergabe von Krediten, während die Zentralbank über ihre Zinspolitik versuchte, das Kreditwachstum zu steuern. Ziel dieser öffentlich-privaten Partnerschaft zur Geldproduktion war es, einen kontrollierten Verlust der Kaufkraft des Geldes von in der Regel zwei Prozent pro Jahr herbeizuführen. Der schleichende Verlust der Kaufkraft des Geldes bot dem Staat zwar einen kleineren, dafür aber nachhaltigeren Gewinn aus der Geldproduktion als die Entwertung des Geldes nach Bedarf. Doch setzte diese Methode der Finanzierung von Staatsausgaben auch engere Grenzen.

          Der Euro sollte nur ein Gesicht haben: dasjenige des Geldes als Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung. Doch mit der Unfähigkeit der Staaten zur Finanzdisziplin kam sein zweites Gesicht als staatliches Finanzinstrument immer stärker zum Vorschein. Draghis Versprechen, den Euro unter allen Umständen zu erhalten, hat das zweite Gesicht zum bestimmenden gemacht. Denn ohne Euro ist das Mandat zur Wahrung der Preisstabilität hinfällig. Und ohne monetäre Hilfe bei der Finanzierung ihrer erdrückenden Schuldenlast müssten einige Eurostaaten, darunter Italien, wohl aus dem Euroraum ausscheiden.

          Ein nachhaltiger Anstieg der Inflation wird das zweite Janusgesicht des Euro als Finanzinstrument für Staaten deutlich machen. Für die Bürger südeuropäischer Staaten dürfte das keine große Überraschung sein. Für sie nähert sich das Gesicht des Euro nur dem der vertrauten Vorgänger an. Dagegen wird die Wiederkehr der vorrangigen Funktion des Geldes als staatliches Finanzierungsinstrument bei deutschen Bürgern schmerzliche historische Erinnerungen wecken. Das Vertrauen in den Euro wird sinken und die Nachfrage nach alternativen Mitteln zur Wertaufbewahrung steigen. Aber die andere historische Erinnerung an die fürchterliche Rolle Deutschlands in Europa wird den politischen Widerstand gegen die Kaperung des Euro als Finanzierungsinstrument für überschuldete Staaten in Grenzen halten. Ein Ende der Zeit des Unbehagens ist nicht abzusehen.

          Weitere Themen

          Institute erwarten 2023 Rezession in Deutschland Video-Seite öffnen

          Konjunkturprognose : Institute erwarten 2023 Rezession in Deutschland

          „Permanenter Wohlstandsverlust“ – Führende Wirtschaftsforscher erwarten im kommenden Jahr ein Einbrechen der Konjunktur um 0,4 Prozent. 2024 soll die Wirtschaftsleistung wieder zulegen. Die Inflation dürfte im kommenden Jahr 8,8 Prozent erreichen.

          Topmeldungen

          Russische Rekruten steigen in Krasnodar in einen Bus.

          Russische Rekruten : Mit eigenem Schlafsack in den Krieg

          Während Präsident Putin an diesem Freitag Russlands neueste Anschlüsse feiert, trübt vor allem der Unmut über die Mobilmachung die Stimmung.
          Habeck, Scholz und Lindner informieren über die Preisbegrenzung für Gas.

          Gaspreisbremse statt Gasumlage : Diese Koalition hält uns in Atem

          Um wieder in die Offensive zu kommen, muss die Regierung abermals eine Kehrtwende hinlegen. Und sie fährt schweres Geschütz auf. Sie sieht Deutschland im „Energiekrieg“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.