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Mayers Weltwirtschaft : Lernen von 1929

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Eine kleine Geschichtsstunde für die Europäische Zentralbank

          Die Europäische Zentralbank möchte einen Anstieg der Konsumentenpreisinflation auf unter, aber nahe bei zwei Prozent herbeiführen. Mit dem Kauf von Anleihen im Umfang von 60 Milliarden Euro pro Monat soll die Geldmenge erhöht werden, bis dieses Ziel erreicht ist. Erschwert wird ihr dies durch zwei Umstände: Erstens wird das Preisniveau durch niedrige Preise für Öl und andere Rohstoffe nach unten gedrückt. Zweitens verläuft die konjunkturelle Entwicklung in den Ländern der Eurozone unterschiedlich. Die Politik der EZB wird deshalb zu erheblichen Veränderungen der relativen Preise im Euroraum führen. Preise für Güter und Dienstleistungen fern des Rohstoffbereichs und Preise in Ländern mit besserer Konjunktur müssen stärker steigen, um niedrige Preise für Rohstoffe und schwache Inflation in anderen Ländern auszugleichen. Welche Risiken eine solche Politik birgt, zeigt die Erfahrung der amerikanischen Fed in den 1920er Jahren.

          Wie Murray Rothbard in seinem Buch „America’s Great Depression“ beschreibt, war die Politik der Fed in den 1920er Jahren von zwei Zielen geprägt. Zum einen bemühte sich die Fed, das Niveau der Konsumentenpreise in einem Umfeld zu stabilisieren, in dem durch technischen Fortschritt erhöhtes Produktivitätswachstum die Preise vieler Güter verringerte. Zum anderen wollte die Fed der britischen Notenbank helfen, die gegen Deflation kämpfte, weil sie nach dem Krieg mit einem zu hohen Wechselkurs für das Pfund in den Goldstandard zurückgekehrt war.

          Vorreiter Irving Fisher

          In Amerika geht die Idee, für ein stabiles Preisniveau zu sorgen, auf das Jahr 1911 zurück. Irving Fisher, ein damals bekannter und einflussreicher Ökonom, machte eine „Bewegung für stabile Preise“ populär. Nach dem Krieg führte Benjamin Strong, der Gouverneur der Federal Reserve Bank von New York, die Fed an die Verfolgung dieses Ziels heran. Da die Konsumentenpreisinflation in den 20er Jahren sehr niedrig war, kümmerte sich die Fed nur am Rande um die Aufblähung des Kreditvolumens und den rasanten Anstieg der Aktienpreise. Strong hatte auch ein offenes Ohr für Montagu Norman, den Gouverneur der Bank von England, der auf eine inflationäre Politik der Fed drängte. Die Schwäche der britischen Wirtschaft im Verlauf der zwanziger Jahre verlangte niedrigere, die Schwäche des Pfunds dagegen höhere Zinsen. Norman hielt die britischen Zinsen niedrig und drängte Strong auf noch niedrigere Zinsen in den Vereinigten Staaten, um den Druck auf den Wechselkurs des Pfunds zu verringern. Angesichts der niedrigen Konsumentenpreisinflation gab Strong dem Drängen Normans nach. Das Ergebnis ist bekannt: Nach einer kreditfinanzierten Hausse am Aktienmarkt platzte im Oktober 1929 die Preisblase und stürzte Amerikas Wirtschaft in die Depression. Bemerkenswert ist, wie wenige Ökonomen die desaströsen Folgen der lockeren Geldpolitik der Fed vorausgesehen hatten. Noch drei Tage vor dem Aktienkrach verkündete Irving Fisher: „Die Aktienpreise haben ein stabiles hohes Niveau erreicht.“

          Auch heute treibt die Geldpolitik der EZB vornehmlich die Preise für Vermögenswerte. So stiegen im letzten Jahr die Verbraucherpreise in Deutschland um gerade mal 0,8 Prozent. Im Gegensatz dazu stiegen die nach dem FvS Vermögenspreisindex berechneten Vermögenspreise für alle deutschen Haushalte um 5,4 Prozent. Mit der Entfaltung der vollen Wucht der EZB Politik der quantitativen Lockerung dürfte die Preissteigerung in diesem Bereich 2015 noch höher ausfallen.

          Geschichte reimt sich

          Abweichend von der Entwicklung in den 20er Jahren, ist der Anstieg der Vermögenspreise heute nicht mit einer starken Ausweitung des Kreditvolumens verbunden. Doch sollte dies kein Grund zur Entwarnung sein. In der Finanzkrise sind zwar die Vermögenswerte deutlich eingebrochen. Doch die gesamte Verschuldung aller Wirtschaftssektoren hat sich nach der Finanzkrise im Euroraum nicht verringert. Insofern passt der Anstieg der Vermögenspreise diese lediglich wieder dem hohen Niveau der Schulden an. Allerdings wurde nach der Finanzkrise ein Teil der Schulden vom privaten zum öffentlichen Sektor verschoben. Dadurch hat sich die Widerstandsfähigkeit des privaten Sektors gegen Rückschläge auf den Märkten für Vermögenswerte zweifellos erhöht. Gleichzeitig hat sich aber auch die Abhängigkeit des öffentlichen Sektors von dauerhaft niedrigen Zinsen vergrößert. Sicherlich darf man die Erfahrungen aus den 20er Jahren nicht direkt auf heute übertragen. Aber es gilt, Mark Twains berühmten Satz zu beachten, dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt, aber durchaus reimt. Zumindest mir erscheint die Politik der EZB heute als Reim auf die der Fed in den 20er Jahren.

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