https://www.faz.net/-gqe-9je1p

Mayers Weltwirtschaft : Das war’s mit dem Aufschwung

  • Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Brexit, Handelsstreit und falsche Politik werden zum Problem. Die deutsche Wirtschaft ist in bedrohlichem Zustand.

          Multiorganversagen bezeichnet das gleichzeitige oder sequentielle Versagen oder die schwere Funktionseinschränkung verschiedener lebenswichtiger Organsysteme des Körpers. Verantwortlich dafür kann eine Vielzahl von krankhaften Veränderungen des Körpers sein. Zur Behandlung kommt der Patient auf die Intensivstation, da sein Leben bedroht ist. Würden die Ökonomen über die Grenzen ihres Fachs hinausschauen, könnten sie erkennen, dass dem deutschen Wirtschaftsaufschwung gerade durch Multiorganversagen der Tod droht.

          Beginnen wir mit der Diagnose. Das Münchner Ifo-Institut fragt deutsche Unternehmen monatlich nach ihrer Einschätzung zur Lage des Geschäfts und zu den Erwartungen für die kommenden sechs Monate. Über den daraus errechneten Geschäftsklimaindex wird in der Presse regelmäßig berichtet. Weniger bekannt ist, dass die Differenz zwischen Erwartungen und Lage ein guter Frühindikator für das Wachstum der Industrieproduktion und des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist. So begann diese Differenz zum Beispiel schon im Januar 2008 in den negativen Bereich zu fallen. Das Wachstum der Industrieproduktion gegenüber dem Vorjahr wurde dagegen erst ab September negativ, und das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts folgte dem im Oktober. Auf gleiche Weise verlief die Erholung von der Rezession: Die Differenz zwischen Erwartungen und Lage stieg im Februar 2009 in den positiven Bereich, während Industrieproduktion und BIP dem erst im Januar 2010 folgten.

          In der jüngeren Vergangenheit drehte die Differenz zwischen Erwartungen und Lage schon Anfang 2017 ins Negative, während das Wachstum von Industrieproduktion und Bruttoinlandsprodukt zunächst noch einmal Fahrt aufnahm. Die Differenz sank stetig tiefer, bis dann auch das Wachstum der Industrieproduktion im dritten Quartal 2018 negativ wurde und das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts einbrach. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres sank die Differenz weiter und fiel dann im Januar 2019 auf einen Tiefstand, wie er nicht einmal nach der Pleite von Lehman Brothers im Oktober 2008 verzeichnet worden war. Wenn die befragten Unternehmensvertreter nicht völlig ihr Feingefühl für die Konjunkturentwicklung verloren haben und dem Ifo-Institut kein Fehler bei der Aufbereitung der Umfrage unterlaufen ist, kann man den Januarwert nur als Paukenschlag bezeichnen. Wie aber konnte es dazu kommen?

          Fahren wir mit der Anamnese fort. Für die deutsche Konjunktur können wir externe und interne Belastungen identifizieren, die zu krankhaften Veränderungen geführt haben. Auf globaler Ebene macht den deutschen Unternehmen die Wachstumsabschwächung in China, der Handelsstreit zwischen China und den Vereinigten Staaten und die Unsicherheit wegen des Brexit zu schaffen. Dazu kommen immer stärkere Belastungen zu Hause.

          Die Fehler der Bundesregierung

          Die von der Bundesregierung zur Beglückung ihrer älteren Wählerklientel eingeführte Frühverrentung und steigende Sozialabgaben machen die Arbeitskräfte knapper und teurer. Immer strengere Emissionsvorschriften und die von Umweltverbänden organisierte Hetzjagd auf Dieselmotoren verdunkeln die Zukunft der deutschen Autoindustrie. Der simultane Ausstieg aus der Atom- und Kohleenergie wirft Fragen über die Sicherheit der Energieversorgung auf und wird zu hohen finanziellen Belastungen für die Stromverbraucher und Steuerzahler führen. Der Rentenbeginn der Generation der Babyboomer und die massive Zuwanderung in den deutschen Wohlfahrtsstaat drohen, die Erwerbsbevölkerung mit Zahlungen für Sozialleistungen zu überlasten. Nimmt man all diese Veränderungen zusammen, braucht man sich über den Kollaps der Zukunftserwartungen der Unternehmen nicht zu wundern. Vielleicht hätten die Unternehmen die externen oder die internen Belastungen allein noch schultern können. Zusammengenommen haben sie die Schwere, die zu multiplem Organversagen führen kann.

          In den 1970er Jahren wurde Politikern der Regierungspartei SPD vorgeworfen, sie wollten mit ihrer Sozialpolitik die Belastbarkeit der Wirtschaft testen. Dagegen haben sie heftig protestiert. Vermutlich sind sie einfach davon ausgegangen, dass die Wirtschaft die Belastungen schon aushalten werde. Das Ergebnis waren Stagflation und eine tiefe Rezession. Die Unbekümmertheit der schwarz-roten Politik unserer Tage erinnert an diese Zeit. Wie damals dürfte es leider auch heute erst zu einem Politikwechsel kommen, wenn der schwer leidende Patient „Wirtschaftsaufschwung“ schließlich gestorben ist. Die Umfragen des Ifo-Instituts deuten darauf hin, dass der Tod kurz bevorstehen könnte.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Skandal um Ibiza-Video : Kurz will FPÖ-Innenminister Kickl loswerden

          Das Ende der Koalition von ÖVP und FPÖ in Österreich reißt tiefe Gräben zwischen den Parteien auf. Kanzler Kurz verurteilt die „offenen Angebote der Korruption“ Straches und rechnet mit strafrechtlichen Konsequenzen. Nun soll auch Innenminister Kickl gehen.

          Bei Twitter : Trump droht Iran

          „Wenn der Iran kämpfen will, wird dies das offizielle Ende des Iran sein“, twitterte Trump am Sonntag. Nur wenige Stunden vor dem Tweet war im Regierungs- und Diplomatenviertel der irakischen Hauptstadt Bagdad eine Rakete eingeschlagen.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          FAZ.NET-Sprinter : Wer hat die Falle gestellt?

          Das eine politische Beben hat Österreich schon erreicht, nun könnte ein nächstes folgen, wenn herauskommt, wer den FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in die Falle lockte. Was sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.