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Mayers Weltwirtschaft : Kirche und Kapital

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Der Papst geißelt die Marktwirtschaft. Dabei brauchen wir sie so wie nie.

          3 Min.

          Jetzt, da ich diese Kolumne zum vierten Advent schreibe, wird mir bewusst, wie unzeitgemäß meine Tätigkeit ist. Das Ressort, in dem ich schreibe, heißt „Geld & Mehr“. Hat nicht der Religionsstifter, dessen zweitausendunddreizehnten Geburtstag wir bald feiern, die Geldwechsler aus dem Tempel gejagt? Und hat er nicht einmal gesagt, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in den Himmel komme? Geld war nicht sein Ding. Aber es kommt noch schlimmer. Seit bald fünfundzwanzig Jahren arbeite ich in einer Branche, wo es immer um die Vermehrung des Geldes geht. Ich kann mich also nicht damit herausreden, dass ich nur so daherrede.

          Aber da gibt es ja noch den Ablass, Kirchensteuer genannt. Als ich kürzlich meine Einkommensteuererklärung in der Hand hielt, standen mit die Haare zu Berge. Nicht wegen der Abgaben an den Staat. Da ich den ständigen Ruf nach Steuererhöhungen aller möglichen Parteien, Gruppen und Grüppchen wie einen Tinnitus im Ohr habe, hat es mich eher gewundert, dass meine gesamte Steuerschuld nicht noch höher war. Es war die Kirchensteuer, die mir schließlich die Haartracht durcheinanderbrachte. Bei der Summe sollte ich doch einiges guthaben, kam mir in den Sinn.

          Aber ich bin evangelisch, und bekanntlich war Martin Luther ja gegen Ablasshandel. Das erklärt wohl, warum die Kirche mein Geld mit verachtungsvollem Schweigen entgegennimmt. Erst auf Nachfrage, ob man mir denn versehentlich nicht zu viel abgezogen hätte, bekam ich von meiner Amtskirche eine Hochglanzbroschüre zugeschickt, in der viele notleidende Menschen mit glücklichen Gesichtern zu sehen waren. Das war das erste Mal, dass die Kirche mit mir in Kontakt getreten ist.

          Der Kapitalismus hilft den Armen

          Der alte und der neue Papst haben mich begeistert. Benedikt XVI. schreibt wirklich gute Bücher, und Franziskus ist einer, den man gern als väterlichen Freund und Ratgeber hätte. Doch ein Wechsel von der evangelischen zur katholischen Kirche, wo auch hartgesottene Sünder eine Chance haben, ist mir verbaut. Papst Franziskus hat unser Wirtschaftssystem als „mörderisch“ bezeichnet, weil es nur auf die Geldvermehrung ausgerichtet sei und sich nicht um die Armen kümmere.

          Da ich von Beruf Volkswirt bin, muss ich dem leider widersprechen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat in den vergangenen dreißig Jahren Milliarden Menschen aus der Armut geholt, in die sie das sozialistische System gebracht hatte. Würde ich nun einem Verein beitreten, dessen Chef das nicht begreift, machte ich meine Lage nur noch schlimmer. Denn dann müsste ich mir auch noch vorhalten, dass ich wider besseres Wissen mit meiner Kirchensteuer eine Organisation finanziere, die nicht versteht, wie Armut überwunden werden kann. Wie ich es auch drehe und wende: Mit der spirituellen Seite von Weihnachten habe ich ein Problem.

          Bleibt ja noch die weltliche Seite, in der keiner Schwierigkeiten damit hat, dass auch Geldgeschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen dürfen. Aber auch damit habe ich ein Problem. Die Vertreter der Staatsmacht und solche, die sich dafür halten, haben mir erklärt, dass ich in einer Branche arbeite, in der alle von Geldgier besessen seien. Wegen dieser Gier käme die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. Dafür müssten wir jetzt büßen und würden fortan unter staatliche Aufsicht gestellt. Der Regulierungen sei noch lange kein Ende, sagt drohend der alte und neue Finanzminister Schäuble, weil die Banken immer neue Wege fänden, diese zu umgehen.

          Ich frage mich nur: Wenn dem denn so wäre, warum kommt die Staatsmacht dann erst jetzt darauf? Gab es denn vorher keine Regulierung? Und wenn gesagt wird, die Regulierung sei früher zu schwach und zu schlecht gewesen, woher will man dann wissen, dass neue Regulierungen die Sache besser machen würden? Das Phänomen der Gier ist schließlich so alt wie die Menschheit selbst. Ich habe in meinem Berufsleben gelernt, dass in der Finanzbranche das Phänomen der Gier nur mit „Furcht“ in Schach gehalten werden kann. Das Verlangen nach Gewinn wird einzig durch die Angst vor Verlust gezähmt. Eine ordnende Hand muss dafür sorgen, dass beide Motive frei walten können. Ich würde das Ordnungspolitik nennen und nicht Regulierung.

          Ob Christus, Martin Luther, Benedikt XVI., Franziskus oder Wolfgang Schäuble – bei keinem fühle ich mich an diesem Weihnachten so richtig gut aufgehoben. Trotzdem werde ich wie immer vor dem Tannenbaum mit den brennenden Kerzen sitzen und möglicherweise sogar ein paar Weihnachtslieder mitbrummen.

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