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Mayers Weltwirtschaft : Keine Angst vor Aktien!

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Das Misstrauen der Deutschen gegenüber der Börse ist groß. Das liegt auch an eigennützigen Finanzberatern.

          3 Min.

          Laut Vermögensstatistik der Deutschen Bundesbank betrug das Geldvermögen der deutschen Privathaushalte im ersten Quartal 2019 6,2Billionen Euro. Davon lagen 2,5 Billionen Euro als unverzinsliche Sicht- und Spareinlagen bei den Banken oder als Banknoten unterm Kopfkissen. Weitere 2,3 Billionen Euro waren in Versicherungspolicen angelegt, die zu einem großen Teil durch festverzinsliche Anlagen mit niedrigen Ertragsaussichten gedeckt sind. Gerade mal 633 Milliarden Euro steckten in Aktien und 596 Milliarden Euro in Investmentfonds.

          Dabei sparen die deutschen Haushalte weiterhin fleißig. Im Jahr 2018 betrug die Sparquote elf Prozent des verfügbaren Nettoeinkommens, hatte folglich den höchsten Wert seit Mitte der 1990er Jahre. Fast könnte man meinen, die Niedrigzinsen würden die Deutschen seit 2014 zu erhöhten Sparanstrengungen anspornen. Aber sie sparen falsch. Negative Zinsen kombiniert mit positiver Inflation lassen die Ersparnisse schmelzen wie Eis an der Sonne. Es gibt kaum einen Experten, der daher nicht zur Anlage in Aktien rät, um der schleichenden Enteignung zu entgehen.

          Doch Aktienanlagen sind kein Produkt wie jedes andere. Ökonomen unterscheiden zwischen drei Arten von Gütern: Suchgüter, Erfahrungsgüter und Vertrauensgüter. Kauft man Suchgüter, weiß man durch Prüfung vor dem Kauf, was man bekommt. Dazu gehören beispielsweise Kleidungsstücke, die man vor dem Erwerb anprobiert. Erfahrungsgüter kann man ziemlich gut nach dem Kauf einschätzen. Ob der gekaufte Wein schmeckt oder nicht, weiß man spätestens nach dem dritten Schluck. Dagegen sind Vertrauensgüter viel schwieriger zu beurteilen. Ob die vom Arzt gestellte Diagnose der Krankheit stimmt und die beabsichtigte Therapie die Heilung bringt, kann man nicht sagen. Man muss dem Arzt vertrauen. Ähnlich verhält es sich mit Aktienanlagen. Als Laie weiß man nicht so recht, wie man damit umgehen soll. Und ob man einem Finanzberater vertrauen kann, steht in den Sternen.

          Von Aktien und Zitronen

          Der Nobelpreisträger George Akerlof hat in einer bahnbrechenden Arbeit schon in den 1970er Jahren beschrieben, was passieren kann, wenn die Information über ein Produkt „asymmetrisch verteilt“ ist, der Verkäufer also sehr viel mehr weiß als der Käufer. Akerlof zeigt dies am Beispiel des Gebrauchtwagenhandels. Bekanntlich verliert ein neues Auto kurze Zeit nach dem Kauf sehr viel an Wert. Laut Akerlof liegt das daran, dass der Käufer eines Gebrauchtwagens kaum einschätzen kann, ob das Auto gut ist oder Mängel hat. Da er damit rechnen muss, eine „Zitrone“ (wie Akerlof es nennt) zu kaufen, setzt er sein Preisgebot entsprechend niedrig an. Der Verkäufer weiß sehr viel mehr über sein Auto. Ist es gut, will er es nicht mit hohem Abschlag verkaufen. Ist es eine „Zitrone“, kann der gebotene, niedrige Preis immer noch ein gutes Geschäft sein. Akerlof hat daraus geschlossen, dass „Zitronen“ gute Autos im Gebrauchtwagenmarkt verdrängen und dadurch viele Geschäfte nicht zu Stande kommen.

          Auf Aktienanlagen bezogen heißt das, dass man nicht abschätzen kann, ob die Finanzberatung einem selbst oder eher dem Berater nutzt. Versteht man wenig von der Sache und misstraut der Beratung, hält man sich lieber gleich ganz von der Aktienanlage fern. Die schleichende Enteignung durch Niedrigzins und Inflation mag dann noch erträglicher erscheinen als falscher Rat durch einen eigennützigen Finanzberater.

          Das könnte die Scheu deutscher Sparer vor Aktienanlagen erklären. Aber wie sehen dies die Berater selbst? Wir haben 1700Finanzberater dazu befragt. Neunundneunzig Prozent sagten, dass das Vertrauen der Kunden die Grundlage für ihre Arbeit ist, und 94 Prozent meinten, dass Sparer vor Aktienanlagen zurückschrecken, weil ihnen das Vertrauen in die Finanzberatung fehlt. Nur ein Prozent glaubte, dass staatliche Regulierung Vertrauen erhöhen könnte. Dagegen hielten 96 Prozent fachliche Mindeststandards und eine ethische Verpflichtung zur Beratung im Interesse der Kunden für wichtig.

          Berufsverbände können helfen, das Misstrauen der Anleger zu überwinden. Seit 2003 gehöre ich dem globalen Verband der „Chartered Financial Analysts“ an. Die Mitglieder durchlaufen eine dreijährige fachliche Ausbildung und verpflichten sich zur kontinuierlichen Weiterbildung. Jedes Jahr erneuern sie eine Art „Hippokratischen Eid“, in dem sie sich zur Arbeit im Interesse der Kunden verpflichten. Würden mehr Sparer von den Prinzipien dieses und anderer Berufsverbände wissen, wären sie wohl weniger misstrauisch und ließen sich bei der Geldanlage helfen. Statt staatlicher Regulierung braucht es eine bessere Aufklärung der Anleger.

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