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Mayers Weltwirtschaft : In Lebensgefahr

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Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Krise ist noch immer nicht ausgestanden. Dem Euro droht der Zusammenbruch.

          Die Politik weigert sich, von „Eurokrise“ zu reden, und spricht stattdessen von einer „Euro Schuldenkrise“, die durch die Konsolidierung der Staatsfinanzen überwunden werden kann. Als Kronzeuge führt sie den Wechselkurs des Euro auf den Devisenmärkten an. Hat sich die Gemeinschaftswährung nicht prächtig gehalten? Oberflächlich gesehen, schon. Kratzt man aber an der Oberfläche, so wird deutlich, dass die Krise weit über die Überschuldung der Staaten hinausgeht. Das Problem liegt in nicht zueinander passenden Wirtschaftsstrukturen, die gegeneinander Abstoßwirkungen entfalten wie fälschlich transplantierte Organe in einem Körper. Paradoxerweise führt dies zu einer pathologischen Stärke des Euro, welche die Abstoßwirkungen noch verstärkt.

          Das Problem wird sichtbar, wenn man sich die Entwicklung der Investitionen, Kredite und des Kapitalstocks in den großen Ländern des Eurogebiets (Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien) seit Beginn der Währungsunion (EWU) ansieht. Der Eintritt in die Währungsunion war für alle Länder außer Deutschland mit einer deutlichen Zinssenkung und damit Verbilligung der Kapitalkosten verbunden. Auslöser dieser Zinssenkungen war das Versprechen der Politik, dass der Euro eine Hartwährung wie die D-Mark werden würde. Mit der Verringerung der Kapitalkosten gingen weiter steigende Lohnkosten einher, so dass der Preis von Kapital relativ zu Arbeit absackte. Das Ergebnis war wie aus dem Lehrbuch: Die Investitionen, die Kredite und der Kapitalstock stiegen relativ zum Bruttoinlandsprodukt. Mit anderen Worten: Die Produktion wurde kapitalintensiver, der Kredithebel länger.

          In Deutschland tickten die Uhren anders. Hierzulande übernahm der Euro nahtlos die Rolle der D-Mark. Zudem sanken gegen Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Lohnkosten dank der Agenda 2010. Bei uns verteuerte sich also der Preis für Kapital relativ zu Arbeit, was zu Zurückhaltung bei Investitionen und Krediten sowie einem Rückgang des Kapitalstocks relativ zum BIP (der Kapitalquote) führte. In Deutschland wurde die Produktion also arbeitsintensiver und der Kredithebel kürzer.

          Für den Devisenmarkt waren die Effekte neutral, denn sie hoben sich gegeneinander auf. Da in Deutschland der Rückgang der Kapitalintensität und des Kredithebels mit dem Ausbau des exportstarken Industriesektors und in den anderen Ländern der Anstieg von Kapitalintensität und Kredithebel mit dem Ausbau des heimisch orientierten Dienstleistungssektors einhergingen, standen deutschen Leistungsbilanzüberschüssen Defizite in den anderen Ländern gegenüber. Die Außenbilanz des Euroraums war daher insgesamt ausgeglichen, und der internationale Finanzsektor schaufelte im Inland nicht benötigte deutsche Kredite, zum Teil über Umwege, in die kredithungrigen Euroländer.

          Der Patient Euro ist weiterhin krank

          Mit dem Platzen der globalen Kreditblase hat sich diese Entwicklung nun umgekehrt. Der Preis für Kapital relativ zu Arbeit ist in Deutschland gefallen und in den anderen EWU-Ländern gestiegen. Nun muss dort die Arbeitsintensität der Produktion höher und der Kredithebel kürzer werden, während es bei uns in die entgegengesetzte Richtung gehen sollte. Ohne die notwendige Flexibilität der Arbeits- und Kreditmärkte kommt dieser Prozess aber nicht voran.

          Tatsächlich schmelzen in den anderen Euroländern die Kapital- und Kreditquoten nur sehr langsam ab. Grund dafür ist, dass Kredite an unrentable Unternehmungen in den Büchern der Banken weitergeführt werden, weil man die schmerzhaften Konsequenzen einer Abschreibung scheut. Dadurch werden falsche Strukturen verteidigt und neue Investitionen entmutigt. Der Rückgang der Investitionen und der Anstieg der Arbeitslosigkeit drücken die heimische Nachfrage und erlauben so einen Ausgleich oder sogar Überschuss in der Leistungsbilanz. Da aber auch bei uns der Umbau zu einer kapitalintensiveren Wirtschaft mit einem stärkeren Dienstleistungssektor für den Heimatmarkt nur sehr langsam vorankommt, bleibt unser Leistungsbilanzüberschuss hoch. Zusammengenommen, ergibt sich daraus ein steigender Leistungsbilanzüberschuss für den Euroraum, der den Wechselkurs des Euro nach oben treibt.

          Die Unfähigkeit zur Anpassung löst heftige Abstoßwirkungen der in den gemeinsamen Eurokörper transplantierten Organe aus. Wegen der Schwäche der heimischen Nachfrage steigt der Wechselkurs des Euro, was den notwendigen Ausbau der arbeitsintensiven Exportindustrie in den anderen Euroländern behindert, ohne in Deutschland den Umbau zu einer kapitalintensiveren Produktion für den Eigenbedarf zügig voranzubringen. Der Patient Euro steckt immer noch in einer lebensbedrohlichen Krise.

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