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Mayers Weltwirtschaft : Habt keine Angst

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Deutschland braucht Zuwanderung – und sollte sie deshalb besser regeln.

          3 Min.

          Politische Gemeinwesen zeichnen sich dadurch aus, dass aus ihrer Mitte Themen hochkommen, die dann Gegenstand einer öffentlichen Debatte werden. So gesehen, sind die Mitgliedstaaten der Europäischen Union politische Gemeinwesen, nicht aber die EU selbst. Denn in den Mitgliedstaaten werden eigene Themen oder die ganze EU betreffende Themen auf jeweils unterschiedliche Art debattiert. Eine über die Grenzen der Nationalstaaten hinausreichende EU-weite Debatte kann es nicht geben, weil es eine europäische Öffentlichkeit nicht gibt. Davon zeugen die fehlgeschlagenen Versuche der Gründung von europäischen Zeitungen, in denen europäische Debatten hätten stattfinden sollen, und die gegenwärtige europaweite Debatte über Zuwanderung.

          Während man zum Beispiel in Großbritannien die Zuwanderung von EU-Bürgern in das Sozialsystem unterbinden will und in Italien das Problem mit den nordafrikanischen Bootsflüchtlinge dadurch lösen möchte, dass man diese ganz unbürokratisch (und damit unitalienisch) nach Nordeuropa durchwinkt, geht es bei uns um nichts weniger als den Schutz des Abendlandes vor der Islamisierung durch die Immigranten. Man kann die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ ignorieren, sie beschimpfen oder sie der Unkenntnis der Zahlen über die Zuwanderer zeihen. Aber man kann nicht leugnen, dass sie sich auf ihre eigene Art mit einem Problem beschäftigen, das die meisten Bürger der EU-Staaten mehr umtreibt, als es die Regierenden wahrhaben wollen.

          Die Pegida-Anhänger und ihre Sympathisanten fühlen sich von zwei Seiten bedroht: der aggressiven Auslegung des Islam, die immer mehr Anhänger zu gewinnen scheint, und einer mangelhaften Regelung der Zuwanderung, die es Wirtschaftsflüchtlingen ermöglicht, unter dem Deckmantel der politischen oder religiösen Verfolgung nach Deutschland zu kommen. Die heute gefühlte Bedrohung durch den Islam hat ihren Ursprung in seiner Expansion im ersten Jahrhundert nach Mohammed. Damals unterschieden die gläubigen Muslime zwischen den von ihnen eroberten Gebieten, dem „Haus des Islam“, wo nun Frieden herrschte, und den verbleibenden Regionen, der Zone des Krieges, die noch durch Missionierung mit dem Wort oder dem Schwert zu gewinnen waren. Zu dieser Zeit hatte die Christenheit ganz ähnliche Ambitionen, auch wenn man da den Eroberungsgelüsten den Mantel der Nächstenliebe umlegte.

          Im Gegensatz zum Christentum, das sich mit der Zeit aus weltlichen Angelegenheiten zurückzog oder von dort vertrieben wurde, hat der missionarische Eifer des Islam neuen Schwung gewonnen. Hassan al-Banna, der 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft gründete, wollte zum Nutzen aller Menschen die islamische Weltherrschaft. Sayyid Qutb, der unter dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser im Gefängnis saß, sah in der weltweiten Befolgung des Korans die einzige von Gott legitimierte Form der Herrschaft. Widerstand gegen die Regeln des Korans sollte, wo nötig, mit Gewalt gebrochen werden.

          Diese Auslegung des Islam wird heute von der libanesischen Hamas über die Terrorgruppen Al Qaida und Isis bis hin zum iranischen Gottesstaat aggressiv vertreten. Sie zieht auch manchen Bewohner des „Abendlandes“ in ihren Bann. Ein wirkungsmächtiger Gegenentwurf zu dieser totalitären Version des Islam ist nicht sichtbar. Daher wirkt der Versuch moderater Muslime, sich von den islamischen Heilsbringern abzugrenzen, oft halbherzig, und die im Niemandsland zwischen Christentum und Agnostizismus angesiedelten Bewohner des „Abendlandes“ bekommen es mit der Angst zu tun.

          Der andere Grund für die Angst ist Zuwanderung. Volkswirte schütteln darüber den Kopf und verweisen darauf, dass wir wegen einer schrumpfenden Bevölkerung auf Zuwanderung angewiesen sind. Aber sind denn Einwanderer, die zur Fristung ihres Lebensunterhalts auf unsere Sozialversicherungssysteme angewiesen sind, nicht eher eine Last als eine Hilfe für eine alternde Bevölkerung?

          Zweifellos muss ein reiches Land wie Deutschland Menschen, die wegen ihrer Herkunft oder politischen Überzeugung verfolgt werden, aufnehmen. Darüber hinaus sollten aber nur Menschen nach Deutschland kommen, die mehr zur Wirtschaftskraft beitragen als der Durchschnitt der Deutschen selbst. Wie man das regelt, machen Länder wie Australien und Kanada vor. Völkerwanderungen sind so alt wie die Völker selbst. Wir sollten genügend Erfahrung haben, den Ängsten zu begegnen und die Wanderungen unserer Zeit friedlich und nutzbringend zu regeln.

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