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Mayers Weltwirtschaft : Gespenst Nippon

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Daten zur Konsumentenpreisinflation im März haben die Furcht vor Deflation im Euroraum angeheizt. Müssen wir uns vor japanischen Verhältnissen in Europa fürchten?

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          Auch wenn die EZB dem Druck der Märkte nach einer weiteren Lockerung der Geldpolitik in der letzten Sitzung des Zentralbankrats noch nicht nachgegeben hat, so wird sie kaum länger standhalten können, wenn die Inflation nicht bald wieder steigt. Immer mehr Marktteilnehmer und Beobachter erwarten, dass die EZB dem Beispiel anderer Zentralbanken folgt und in großem Umfang Staatsanleihen aufkauft. Verschwommen bleibt in der Debatte allerdings, warum genau Deflation so bedrohlich sein soll und was konkret mit Käufen von Anleihen, „quantitative Lockerung“ genannt, erreicht werden soll.

          Volkswirtschaftliche Lehrbücher sehen die schädlichen Wirkungen der Deflation vielfach darin, dass sie die Konsumenten in Erwartung sinkender Preise zu Kaufzurückhaltung animiert. Dies mag zwar gelegentlich vorkommen, ist aber kein weitverbreitetes Phänomen. So stieg der reale Konsum pro Kopf in Japan in den Jahren von 1995 bis 2013 im Schnitt um 0,8 Prozent pro Jahr, obwohl die durchschnittliche Inflationsrate minus 0,1 Prozent betrug. Während dieses Zeitraums wuchs der deutsche reale Konsum pro Kopf mit der beinahe gleichen Rate von 0,9 Prozent bei einer Inflationsrate von durchschnittlich plus 1,5 Prozent. Dagegen stellt Deflation eine wirkliche Gefahr für hochverschuldete öffentliche oder private Wirtschaftsteilnehmer dar.

          Bei einem allgemeinen Fall der Preise steigt der Realwert der ausstehenden Schuld und kann die Fähigkeit dieser Akteure, die Schuld zu bedienen, beeinträchtigen. Die Folge kann eine Spirale von Bankrotten sein, in der zahlungsunfähige Schuldner ihre Gläubiger mit in die Insolvenz ziehen. Irving Fisher hat diesen Prozess im Amerika der dreißiger Jahre beobachtet und dafür den Begriff der Schuldendeflation geprägt. Je weiter sich deflationäre Tendenzen in den hochverschuldeten Ländern der Eurozone festigen, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese Länder in den Strudel einer Schuldendeflation gezogen werden, die im Gegensatz zum Amerika der dreißiger Jahre auch den Staat erfassen könnte.

          Wann kommt es zur Deflation?

          Spätestens seit der bahnbrechenden Analyse der Großen Depression von Milton Friedman und Anna Schwarz, die in den sechziger Jahren erschien, ist klar, dass es Aufgabe der Zentralbank ist, der nach einer Finanzkrise drohenden Deflation entgegenzutreten. In der Krise werden Kredite und das von den Banken damit geschaffene Giralgeld, auch „Innengeld“ genannt, zerstört. Es kommt zu Geldverknappung und Deflation, wenn die Zentralbank das vernichtete Innengeld nicht durch ihr eigenes Geld, das „Außengeld“ ersetzt. Was getan werden soll, liegt also auf der Hand. Weniger offensichtlich ist jedoch, wie die Aufgabe erfüllt werden kann. Naheliegend ist, dass die Zentralbank Außengeld schafft, indem sie Staatsanleihen aufkauft. Genau das haben einige Zentralbanken seit der Finanzkrise getan.

          Wenn aber die Zentralbank, die ja auch eine staatliche Einrichtung ist, Forderungen an den Staat erwirbt und diese mit der Ausgabe von Zentralbankgeld finanziert, so ist der Schritt zu monetärer Finanzierung der Staatsschuld nicht weit. Alles, was dazu noch nötig ist, ist die Anordnung des Staates, seine Verpflichtungen gegenüber der Zentralbank mit deren Forderungen an ihn zu konsolidieren. Im Euroraum kommt hinzu, dass der EZB ein einzelner Staat als Partner nicht zur Verfügung steht. Sie müsste daher die Anleihen aller Staaten aufkaufen, was zu unterschiedlichen politischen Reaktionen in den Staaten führen würde.

          Für die EZB wäre es politisch weniger gefährlich, wenn sie bei der Geldschöpfung nicht in den Geruch der Staatsfinanzierung kommen würde. Technisch wäre dies möglich, wenn die EZB die Banken dazu verpflichten würde, ihren Kunden eine Sichteinlage anzubieten, die vollständig mit bei der Zentralbank hinterlegten Reserven abgesichert ist. Wie ich in früheren Kolumnen schon erklärt habe, könnte die EZB damit eine sichere Einlage ohne separate Einlagenversicherung schaffen. Darüber hinaus könnte sie durch die Zahlung einer Dividende auf diese Einlage die Geldmenge direkt erhöhen, ohne dafür Staatsanleihen oder andere Wertpapiere kaufen zu müssen. Manche Leser mögen sich fragen, wie eine solche Operation auf der Bilanz der EZB gebucht werden könnte. Die Antwort ist einfach: Der Aktivposten, der dem so geschaffenen Zentralbankgeld gegenübersteht, ist der „gute Wille“, der das Vertrauen der Wirtschaftsakteure in die Werthaltigkeit des Geldes widerspiegelt. Forderungen an den Staat in dieser Bilanzposition könnten diesem Vertrauen eher abträglich sein.

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