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Mayers Weltwirtschaft : Gelobt sei die Deutsche Bank

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Deutsche Bank ist besser, als alle sie machen. Sie ist wertvoll für die deutsche Industrie. Und Investmentbanker braucht die ganze Welt.

          Für die Deutsche Bank hat niemand mehr ein gutes Wort übrig. Deshalb möchte ich für sie das Wort ergreifen. Ich hätte mir einen anderen Verteidiger gewünscht, denn ich bin befangen. Ich war zwölf Jahre für die Deutsche Bank tätig - von 2010 bis 2012 als Chefvolkswirt - und besitze noch Aktien des Unternehmens. Den Verlust auf meine Aktienbestände betrachte ich als Buße dafür, dass ich die Schwierigkeiten nicht habe kommen sehen, in denen sich die Bank jetzt befindet.

          Die Anklage macht im Wesentlichen drei Punkte geltend. Erstens habe die Deutsche Bank ihre Herkunft als Kreditbank verraten, indem sie ins Investmentbanking eingestiegen sei. Zweitens habe sie obszön hohen Renditezielen hinterhergejagt. Und drittens habe sie unverschämt schmutzige Geschäfte gemacht. Diese Anklagepunkte sind nicht aus der Luft gegriffen. Aber zumindest in Teilen lassen sie sich entkräften, so dass ich für ein milderes Urteil plädiere, als es die Öffentlichkeit gegenwärtig fällt.

          Wachstum nur im Investmentbanking

          Beginnen wir mit dem angeblichen Verrat der Bank an ihrer Herkunft. Für den von Alfred Herrhausen Ende der achtziger Jahre initiierten Einstieg ins Investmentbanking sprachen zwei Gründe. Erstens waren für eine private Aktienbank die Möglichkeiten zum Wachstum in einem von öffentlichen Banken und Genossenschaftsbanken dominierten Kreditbankensektor gering. Wachstum war nur im globalen Kapitalmarktgeschäft möglich. Zweitens verlangte die Kernkundschaft der Deutschen Bank, die deutsche Industrie, zunehmend Dienstleistungen am Kapitalmarkt. Wollte die Deutsche Bank ihren Gründungsauftrag zur Unterstützung der deutschen Industrie im In- und Ausland weiter erfüllen, musste sie ein globales Kapitalmarktgeschäft aufbauen. Herrhausens strategische Entscheidung war also damals richtig und ist es heute immer noch. Nur gestaltete sich die Umsetzung weitaus schwieriger als erwartet. Die dabei gemachten Fehler holen die Bank heute ein.

          Der Vorwurf, grenzenlose Profitgier hätte die Deutsche Bank in den Abgrund gestürzt, blendet die im damaligen Aufschwung des Kreditzyklus herrschenden Umstände aus. Durch finanzmathematisch gesteuertes Risikomanagement sollten die mit steigender Verschuldung verbundenen Risiken beherrscht werden können. Folglich stiegen die Erwartungen an die Eigenkapitalrendite der Investmentbanken. Das vom damaligen Deutsche-Bank-Chef Ackermann angepeilte Renditeziel von 25 Prozent sorgte nur hierzulande für Empörung. An den Aktienmärkten wurde dies nicht als anrüchig, sondern als notwendig für eine Anlage empfunden. Der Neuling im globalen Kapitalmarktgeschäft konnte es sich nicht leisten, gegen den Strom zu schwimmen.

          Unerfahrene Deutsche-Bank-Manager

          Die aus den Geschäften im Investmentbanking herrührenden vielen Rechtsstreitigkeiten und hohen Strafzahlungen sind furchterregend. Aber auch sie sind aus den Umständen heraus zu erklären. Viele Finanzprodukte, die als Wunderwerke der Finanzingenieurskunst gefeiert worden waren, erwiesen sich als reinster Giftmüll. Es zeugt nicht von Klugheit, aber auch nicht von krimineller Energie, wenn sich Bankmanager von Ingenieuren, die Kapitalmarkttechnik mit Elektrotechnik verwechseln, blenden lassen. Die im Investmentbanking wenig erfahrenen Deutsche-Bank-Manager sind leider einer großen Zahl dieser Blender aufgesessen. Um das Geschäft schnell aufzubauen, hat die Bank nicht nur eine britische und eine amerikanische Investmentbank aufgekauft, sondern auch Heerscharen angelsächsisch geprägter Investmentbanker eingekauft. Diese Leute waren der Deutschen Bank ungefähr so verpflichtet wie Fremdenlegionäre der französischen Nation. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie den schnellen Erfolg suchten und sich wenig um das mit ihren Geschäften verbundene langfristige Risiko für die Reputation der Deutschen Bank kümmerten. Der dadurch für die Aktionäre angerichtete finanzielle Schaden ist immens. Doch wurde kaum ein Banker für seine Verfehlungen von einem Gericht verurteilt. Politik und Öffentlichkeit scheinen es vorzuziehen, den Bankaktionären in außergerichtlichen Vergleichen Lösegeld abzupressen. Dass sie damit den Aktienbanken die Aktionäre nehmen, ohne die für die missratenen Geschäfte Verantwortlichen zu belangen, scheint sie nicht zu interessieren.

          Als Verteidiger der Deutschen Bank sehe ich nicht den Sinn einer Strafverfolgung, die den verantwortlichen Personen kein strafbares Fehlverhalten nachweist, aber das Unternehmen nachhaltig schwächt. Ich verweise darauf, dass die Bank als Begleiter für die deutsche Industrie gegründet wurde und sie in dieser Funktion noch immer wertvoll ist. Und ich appelliere schließlich an die deutschen Politiker, sich nicht vor den Karren derer spannen zu lassen, die am Untergang der Deutschen Bank interessiert sind.

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