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Mayers Weltwirtschaft : Geld ohne Ende

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Sind die Zinsen so niedrig, weil wir so viel sparen?

          3 Min.

          Larry Summers, hochkarätiger Ökonom und ehemaliger amerikanischer Finanzminister, hält es für möglich, dass zu viele Ersparnisse und zu wenige Investitionsmöglichkeiten den realen Zins langfristig unter die Nulllinie drücken. In dieser Meinung wird er lautstark von dem Nobelpreisträger Paul Krugman und etwas leiser von der großen Mehrheit der angelsächsisch geprägten Volkswirte unterstützt. Eine Minderheit von Ökonomen, die den „Österreichern“ Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises zuneigen, setzt dem entgegen, dass die Zinsen von einer von den Zentralbanken erzeugten Liquiditätsschwemme niedrig gehalten werden. Die Unterschiede in der Erklärung des Zinsumfelds können nicht zuletzt auf einen fundamentalen Unterschied im Verständnis der Rolle der Banken zurückgeführt werden.

          Woher kommen die Einlagen?

          Die angelsächsisch geprägte Mehrheit der Ökonomen sieht Banken in erster Line als Finanzintermediäre. Dazu findet man in dem bei Universitätslehrern populären Lehrbuch von Olivier Blanchard und Gerhard Illing: „Die Geschäftsbanken erhalten Einlagen von Anlegern. Einen Teil dieser Einlagen behalten sie als Reserve; den Rest verwenden sie, um Kredite zu vergeben und Wertpapiere zu kaufen.“ Wenn nun die Anleger viel bei den Banken einlegen, die Kreditnachfrage aber schwach ist, fällt der Zins. Um das zu verstehen, braucht man keinen Nobelpreis. Doch wird der arme Student in diesem und anderen Lehrbüchern mit der Frage alleingelassen, woher denn die Einlagen kommen. Blanchard und Illing sagen dazu, wenig erhellend in Klammern, „Gehaltsüberweisung“. Aber woher kommt denn nun die? Vielleicht denken die Professoren heimlich an den alten Goldstandard, wo jemand seine Nuggets bei der Bank „einlegt“ und dafür Geldscheine bekommt. Das kennt man ja aus amerikanischen Western. Aber auch ihnen wird ja bekannt sein, dass sich das Bankgeschäft inzwischen verändert hat. Die Sache mit den Einlagen bleibt mysteriös. Aber wenn wir einfach annehmen, dass sie reichlich da sind, dann werden sie den Zins schon drücken.

          Doch jeder wache Banklehrling weiß natürlich, woher die Einlagen kommen. Schließt die Bank mit einem Kunden einen Kreditvertrag ab, dann schreibt sie ihm den Kredit auf seinem Girokonto gut. Es ist der Kreditvertrag, der Einlagen schafft, und es sind nicht die Einlagen, die als Kredite weiterverliehen werden. Ist die Nachfrage nach Krediten gering, dann senken die Banken den Kreditzins, um das Kreditgeschäft anzukurbeln. Daraus ergibt sich natürlich sofort die Frage, warum die Kreditnachfrage gegenwärtig schwächelt. Summers und seine Kollegen haken hier mit dem zweiten Teil ihres Arguments ein: „Weil es einen Mangel an Investitionsmöglichkeiten gibt.“ Aber woher soll der plötzlich gekommen sein? In der Dekade vor der Finanzkrise sind die Kredite geradezu explodiert. Die Weltwirtschaft hat 2008 sicherlich nicht eine Vollbremsung hingelegt, weil alle plötzlich an eine säkulare Stagnation glaubten und deshalb auf weitere Investitionen verzichteten. Viel wahrscheinlicher ist es, dass vor der Finanzkrise zu viel und falsch investiert wurde. Wer in dieser Zeit im Finanzsektor tätig war, hat erlebt, wie die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken die Kreditnachfrage und damit die Bilanz der Banken und ihrer Schattengebilde hat explodieren lassen. Weil die Zentralbanken den Zins am Kapitalmarkt unter seinen „natürlichen Wert“, der langfristig zum Gleichgewicht zwischen realer Ersparnis und realer Investition führt, manipuliert hatten, wurden zu viel Kredit und Liquidität geschaffen, die unproduktive Investitionen ermöglicht haben. Die schwache Kreditnachfrage hat also im Wesentlichen damit zu tun, dass schlechte Investitionen zuerst abgeschrieben werden müssen, bevor neue möglich sind.

          Willkommen zur Happy Hour!

          Viele Leser werden wohl das Gefühl kennen, wenn einem nach einer durchzechten Nacht am Morgen jeglicher Alkohol widerwärtig ist. Die meisten werden wohl eine Zeitlang abstinent bleiben, bis sie den Kater vergessen haben. Aber manche werden sich an die Weisheit erprobter Partygänger halten, dass nichts besser gegen einen Kater hilft als ein neuer Drink. Daran scheinen sich auch unsere Zentralbanken zu halten, die den durch zu viel Liquidität entstandenen Kater durch neue Liquidität bekämpfen. „Ersparnisschwemme“ und „Investitionsmangel“ liefern ihnen dafür oberflächlich betrachtet nützliche Argumente, die Zinsen nach unten zu manipulieren.

          Was aber passiert, wenn die Politik den Zins über längere Zeit unter seinem „natürlichen“ Wert belässt, kann man bei Hayek nachlesen: Die notwendige Korrektur der vergangenen Fehlinvestitionen und Preise für Vermögenswerte wird verschleppt und eine neue Runde an Fehlinvestitionen wird eingeleitet. Willkommen zur nächsten Happy Hour zum Aufblasen von Vermögenspreisen!

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