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Mayers Weltwirtschaft : Geld in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Viele berühmte Ökonomen finden negative Zinsen gut und wollen überdies das Bargeld abschaffen. Das ist ein schändlicher Plan.

          Kenneth Rogoff ist ein hoch angesehener amerikanischer Volkswirtschaftsprofessor. Im Jahr 2011 erhielt er den Deutsche-Bank-Preis für seine Leistungen in der Finanzökonomie. Rogoff gehört jener Elite an, der die Wähler in Amerika das Vertrauen entzogen haben.

          Ich traf Rogoff 2011 anlässlich der Verleihung des Deutsche-Bank-Preises. Er wurde gefragt, wie man denn die vor der Finanzkrise angehäuften riesigen Schuldenberge wieder auf ein erträgliches Maß abtragen könne. Seine Antwort war: durch finanzielle Repression. Damit meinte er eine Geldpolitik, die darauf abzielt, die nominalen Zinsen niedrig zu halten und die Inflation anzuschieben, also den realen Zins in den negativen Bereich zu drücken.

          In Amerika hat finanzielle Repression schon einmal gut funktioniert

          Mit dieser Methode gelang es den Vereinigten Staaten, die während des Zweiten Weltkriegs aufgelaufenen Staatsschulden durch hohe Einnahmen und niedrige Zinsausgaben wieder abzubauen. Als Amerika im Jahr 1941 in den Krieg eintrat, lag die Bundesschuld bei 49,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Aufgrund der Kriegsausgaben stieg sie bis auf 119 Prozent des BIP im Jahr 1946 und fiel dann zurück auf rund 57 Prozent im Jahr 1959. In der Zeit von 1941 bis 1959 betrug der Zins auf langlaufende Staatsanleihen im Schnitt 2,6 Prozent. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 4,2 Prozent ergab sich ein Realzins von minus 1,6 Prozent. Der negative Realzins half, die Staatschuldenquote zwischen 1946 und 1959 zu halbieren. Möglich wurde er, weil Amerikas Notenbank Fed verhinderte, dass der Nominalzins mit der Inflation anstieg. Für die politische Erzwingung eines niedrigen Realzinses wird seit den 70er Jahren der Begriff „finanzielle Repression“ verwendet.

          Seit der Finanzkrise von 2008/2009 mühen sich die Zentralbanken damit ab, die Inflation anzufachen. Die wenigsten Zentralbanken geben offen zu, dass es ihnen darum geht, die realen Kapitalmarktzinsen in den negativen Bereich zu drücken, um die Schuldenlast erträglicher zu machen. Allein die Bank von Japan hat sich offen dazu bekannt. Sie hat sich dazu verpflichtet, den Zins auf zehnjährige Staatsanleihen bei null Prozent zu halten und die Inflation über zwei Prozent zu treiben. Bisher haben aber weder sie noch die anderen Zentralbanken finanzielle Repression erzeugen können. Die Inflation ist niedrig geblieben.

          Volkswirte wie Kenneth Rogoff ziehen daraus den Schluss, dass dann eben die nominalen Zinsen in den negativen Bereich gedrückt werden müssen, wenn es nicht gelingt, finanzielle Repression durch steigende Inflation zu erzeugen. „Zu sagen, dass durch höhere Inflation erzwungene negative Realzinsen nicht wünschenswert, aber negative Nominalzinsen unnatürlich seien, bedeutet, finanziellen Analphabetismus zu verbreiten“, schrieb er am 11. Oktober in der Financial Times. Für den technokratischen Ökonomen ist es einerlei, wie der Realzins zur Erzeugung von finanzieller Repression in den negativen Bereich gedrückt wird. Wenn die Inflation nicht steigt, dann muss eben der Nominalzins fallen. Und sollte sich der Bürger mit der Flucht ins Bargeld gegen negative Bankzinsen wehren, dann muss eben das Bargeld abgeschafft werden.

          Negativzinsen werden als illegitime Steuer empfunden

          Volkswirte wie Kenneth Rogoff sind so weltfremd, dass sie sich nicht vorstellen können, dass sich für den wirtschaftlich handelnden Menschen positive Nominalzinsen zu negativen verhalten wie Wasser zu Eis. Der Fall unter die Nulllinie führt hier wie dort zu einer Veränderung des Aggregatzustands (den Vergleich verdanke ich einem in der Wirtschaft tätigen Ingenieur). Im „flüssigen“, positiven Bereich empfinden die Wirtschaftsakteure den Zins als Entlohnung für den zeitlichen Aufschub des Konsums. Wer sich Geld borgt, zieht Konsum zeitlich vor und muss dafür Sorge tragen, dass er es so verwendet, dass er nicht nur seinen eigenen Konsum finanzieren, sondern den Gläubiger auch für seinen vorübergehenden Konsumverzicht später entschädigen kann. Im „gefrorenen“, negativen Bereich empfinden die Wirtschaftsakteure den Zins als illegitime Steuer. Dabei nehmen sie die Steuererhebung durch unerwartete Inflation gerade noch so hin wie die Steuererhöhung durch die kalte Progression im Steuertarif. Aber sie widersetzen sich der Steuererhebung durch negative Nominalzinsen genauso wie der durch höhere Lohnsteuersätze.

          Die Politik der Negativzinsen ist nach hinten losgegangen. Die Banken bluten aus, und die Leute drohen mit Rebellion, sollte man sie selbst mit Negativzinsen schröpfen und ihnen das Bargeld wegnehmen. Wie Kenneth Rogoff gehören Zentralbanker der Elite an, können aber nicht wie Politiker abgewählt werden. Aber die Leute könnten dem Geld das Vertrauen entziehen.

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