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Mayers Weltwirtschaft : Die fragile Weltwirtschaft

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Bild: Thilo Rothacker

Die Börsenkurse steigen unbeirrt, und auch das Wirtschaftswachstum ist höher als gedacht. Trotzdem ist die nächste Krise nicht weit entfernt.

          In seinem 1987 erschienenen Klassiker „The Alchemy of Finance“ führte George Soros das Konzept der „Reflexivität“ ein. Damit beschrieb er den Umstand, dass Handlungen auf dem Finanzmarkt den Markt verändern. Händler müssen dies in ihr Kalkül einbeziehen, wenn ihre Wette aufgehen soll. Heute geht die Reflexivität weit über die Finanzmärkte hinaus. Veränderungen in der Realwirtschaft führen zu Veränderungen auf den Finanzmärkten, die wiederum die Realwirtschaft und die Wirtschaftspolitik beeinflussen, was auf die Finanzmärkte zurückwirkt. Das System hat einen hohen Grad an Endogenität oder, einfacher gesagt, beinahe alles hängt mit allem zusammen. Die Entwicklung der vergangenen neun Monate gibt ein anschauliches Beispiel dafür.

          Mitte 2018 ging der globale Konjunkturaufschwung in einen Abschwung über. Dafür gab es in den Regionen viele einzelne Gründe, aber auch einen gemeinsamen Grund: Der Zinsanstieg in Amerika und die Einschränkung der Kreditvergabe in China. Höhere Zinsen auf Dollar-Verbindlichkeiten brachte eine Reihe von in Fremdwährung verschuldeten Schwellenländern in Schwierigkeiten, und die Rationierung von Krediten drückte das Wachstum in China. Dies schürte die Furcht vor einer Rezession und führte zum größten Einbruch der globalen Aktienmärkte seit der Finanzkrise.

          Durch die Rückkopplung von Aktienmärkten und Realwirtschaft drohte eine Abwärtsspirale vom konjunkturellen Abschwung in die Rezession. Das brachte die Wirtschaftspolitik auf den Plan. Die amerikanische Notenbank blies vorgesehene Zinserhöhungen ab, die chinesische Regierung drehte den Kredithahn auf und beschloss Steuererleichterungen, und die Zentralbanken in Europa und Japan versprachen, ihre Leitzinsen für noch länger im negativen Bereich zu belassen. Selbst Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping spielten ihre Handelsstreitigkeiten herunter. Darauf reagierten die Aktienmärkte im ersten Quartal dieses Jahres mit einem Kursfeuerwerk. Doch Aktienanleger sehen ein bis zur Hälfte gefülltes Glas immer als halb voll an. Anleihe-Investoren hielten das Glas dagegen für halb leer: Die langfristigen Zinsen sanken in Amerika, Japan und im Euroland, so dass die Abstände zu den Geldmarktzinsen – oft ein brauchbarer Frühindikator für die Konjunktur – nahezu verschwanden. Auf wen soll man da nun hören?

          Stimmungsindikatoren können täuschen

          Tatsächlich haben sich einige Konjunktur- und Stimmungsindikatoren im Lauf des ersten Quartals verbessert. Vor allem in den Schwellenländern – darunter besonders in China – stiegen die Einkaufsmanagerindizes sowohl im verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungsbereich, was dem gesamtwirtschaftlichen Index auf Weltebene etwas Auftrieb gab. Dagegen stand in den Industrieländern dem leichten Anstieg des Dienstleistungsindex ein weiterer Rückgang des Index für das verarbeitende Gewerbe gegenüber. In China blieb die Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Quartal dieses Jahres gegenüber dem Vorjahr zwar gleich, sank aber gegenüber dem vierten Quartal 2018 weiter ab. Im Euroraum war es umgekehrt: Das BIP-Wachstum stieg gegenüber dem Vorquartal, blieb aber gegenüber dem Vorjahr gleich.

          In den Vereinigten Staaten überraschte das BIP-Wachstum positiv, aber die Zusammensetzung der Nachfrage enttäuschte. Die heimische Endnachfrage trug nur 1,5 Prozentpunkte zum stolzen Quartalswachstum von (annualisierten) 3,2 Prozent bei. Der Rest entfiel auf den möglicherweise unerwünschten Aufbau von Lägern und die Nettoexporte. Eine Lokomotive für die Weltwirtschaft sieht anders aus. Doch die Akteure auf den Devisenmärkten fanden, dass es woanders eher schlechter ginge, und fragten seit Jahresanfang vermehrt Dollar nach. Der stärkere Dollar setzte wiederum in Dollar verschuldete Schwellenländer unter Druck, vor allem die Türkei, wie schon im vergangenen Sommer.

          Auch in einem sehr interdependenten System gibt es exogene Treiber, dies es schließlich kippen können. Für die Weltwirtschaft sind das Entwicklungen, die abseits der Finanzmärkte ihr Eigenleben führen. Dazu gehören der Nahostkonflikt, der politische Aufstand der besitzlosen Lohnempfänger gegen die Eliten, die Furcht vor dem Klimawandel oder Trumps Hass auf die Europäische Union. Höhere Ölpreise, Steuern zur Umverteilung und zum Klimaschutz, oder amerikanische Zölle auf EU-Importe können die Wirtschaft in die Rezession und die Finanzmärkte in die Krise treiben, ohne durch Reflexivität entschärft zu werden. Die Weltwirtschaft bleibt also fragil. Es scheint, dass die Akteure am Anleihemarkt dafür ein feineres Gespür haben als die Anleger am Aktienmarkt.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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