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Mayers Weltwirtschaft : Flash Crash

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Was bedeuten sinkende Anleihekurse für die Geldpolitik?

          Seit ihrem Tiefstand Mitte April ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen um mehr als einen halben Prozentpunkt nach oben geschossen. Der Renditeanstieg war bei zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen nicht ganz so stürmisch, aber dennoch deutlich. Manche Beobachter sprechen von einem „Flash Crash“ und rätseln über die Gründe dafür. Ich meine, diese sind vor allem bei den Markteingriffen der Politik zu suchen.

          Die Lage in Europa und Amerika 

          Zum einen gibt es gegenwärtig eine große Dissonanz zwischen der Geldpolitik der Zentralbanken und der wirtschaftlichen Entwicklung, die im Markt für große Unsicherheit sorgt. Seit Beginn des Jahres entwickelt sich die amerikanische Wirtschaft überraschend schwach. Nach den letzten Zahlen für die Handelsbilanz haben Bankenvolkswirte ihre Schätzung für das Wachstum im ersten Quartal auf eine negative Rate heruntergesetzt. Für das zweite Quartal schätzt die Federal Reserve Bank von Atlanta das Wachstum auf gerade mal 0,8 Prozent. Angenommen, die Wirtschaft würde im zweiten Halbjahr auf das in diesem Aufschwung durchschnittliche Wachstum von etwas mehr als zwei Prozent einschwenken, dann würde das Wachstum für das gesamte Jahr bescheidene 1,8 Prozent betragen. Trotz dieser enttäuschenden Entwicklung werden die Geldpolitiker der Federal Reserve nicht müde, Zinserhöhungen für dieses Jahr an die Wand zu malen.

          Im Euroland ist das Bild spiegelverkehrt. Die Wirtschaft hat überraschend Fahrt aufgenommen, und die Volkswirte revidieren ihre Wachstumsprognosen nach oben. Dennoch bestehen die Geldpolitiker der EZB auf der vollständigen Erfüllung ihres mehr als eine Billion Euro schweren Programms zum Aufkauf von Staatsanleihen. Die Kluft zwischen geldpolitischer Planung und wirtschaftlicher Realität erinnert an die Kollision zentraler Planung im real existierenden Sozialismus mit der Realität. Kein Wunder, dass Risikozuschläge auf die Zinsen notwendig werden.

          Reaktionen auf die Regulierung 

          Zum anderen haben die Regulierungsbehörden zur Vorbeugung gegen die nächste Krise die Banken zu einer höheren Eigenkapitalunterlage für den Handel mit Wertpapieren verpflichtet. Die Banken haben darauf reagiert, indem sie den Eigenhandel aufgegeben und den Handel zur Unterstützung der Kundengeschäfte zurückgefahren haben. Die Nullzinspolitik und quantitative Lockerung der Zentralbanken tat ein Übriges: Weil dadurch der Zinsunterschied zwischen kurzen und langen Laufzeiten bei Anleihen eingeebnet wurde, lassen sich Bestände länger laufender Anleihen nicht mehr gewinnbringend über kurzfristige Kredite finanzieren. Das Ergebnis dieser Eingriffe war der Rückzug der Banken aus den Geschäften mit Anleihen auf eigene Rechnung. So fiel etwa der von Banken gehaltene Bestand an amerikanischen Unternehmensanleihen von 300 Milliarden Dollar im Jahr 2008 auf 50 Milliarden Dollar heute, während im gleichen Zeitraum das Volumen ausstehender Anleihen von 2800 Milliarden Dollar auf 5000 Milliarden Dollar stieg. Wenn vorübergehende Ungleichgewichte zwischen dem Angebot und der Nachfrage am Markt nicht mehr über Lagerveränderungen der Banken ausgeglichen werden, steigt die Volatilität von Zinsen und Preisen. Ein Vorgeschmack auf die neuen Marktverhältnisse gab der „Flash Crash“ von amerikanischen Staatsanleihen im Herbst 2014. Am 15. Oktober stürzte die Rendite innerhalb von fünf Minuten von 2,19 auf 1,86 Prozent. Ein Rückgang um 15 Prozent in so kurzer Zeit konnte sich bis dahin niemand vorstellen. Nun scheint das die „neue Normalität“ zu sein.

          Diese Entwicklungen werfen die Frage auf, was passieren wird, wenn die Zentralbanken ihre Nullzinspolitik beenden. Drängen die Besitzer von Anleihen aus Angst vor Kursverlusten in großer Zahl zum Ausgang, könnte der Markt zum Stillstand kommen, weil die Banken nicht in der Lage sind, durch Lagerveränderungen den Ausgleich herzustellen. Wenn aber die Anleger daran gehindert werden, ihre Bestände zu veräußern, könnte es zu einem Sturm auf Rentenfonds kommen. Zwar würden sich wohl keine eindrucksvollen Menschenketten vor den Gebäuden der Fondsgesellschaften bilden wie bei Stürmen auf Banken, aber die Wirkung auf das Vertrauen des Publikums in die Fondsbranche wäre wohl ähnlich verheerend. Schon werden Stimmen lauter, die auf eine strengere Regulierung der Fondsbranche dringen. Wie bei den Banken sollen „systemrelevante“ Kapitalsammelstellen identifiziert werden, die womöglich im Krisenfall staatlich gestützt werden und deshalb zur Vorbeugung besondere Vorgaben erfüllen müssen. Damit würde der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Statt mehr Planung wäre eine Marktordnung notwendig, die für Transparenz und Einheit von Entscheidung und Haftung sorgt.

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