https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mayers-weltwirtschaft/mayers-weltwirtschaft-eine-neue-geldordnung-12151142.html

Mayers Weltwirtschaft : Eine neue Geldordnung

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Wenn Banken die Spareinlagen komplett mit Reserven absichern, wird das System stabiler. Doch das entspricht nicht der aktuellen Geldordnung.

          2 Min.

          Seit der Finanzkrise stehen die Banken in der Kritik als Urheber einer Kreditblase, die der tiefsten Rezession der Weltwirtschaft seit den dreißiger Jahren den Boden bereitet hat. Allerdings unterscheiden sich die Kritiker darin, wie sie die Verantwortung zwischen Geschäfts- und Zentralbanken aufteilen. Wie nach der Depression vor achtzig Jahren sieht eine Gruppe die alleinige Schuld bei den Geschäftsbanken. Sie haben die Möglichkeit zur Kreditfinanzierung durch Giralgeldschöpfung, die das System der teilweisen Deckung von Giralgeld durch Zentralbankgeld bietet, zum Aufbau einer globalen Kreditpyramide missbraucht. Nun soll ihnen die monetäre Kreditfinanzierung verwehrt werden, indem sie Einlagen in vollem Umfang mit Reserven in Zentralbankgeld decken sollen. Eine andere Gruppe sieht die Verantwortung bei den Zentralbanken, die durch eine Politik des billigen Geldes die übermäßige Kreditvergabe verursacht haben soll. Gestützt wurde die Niedrigzinspolitik durch die Verfolgung von Inflationszielen durch die Zentralbanken. Bei technischem Fortschritt und zunehmender Intensität des globalen Handels kamen in den letzten beiden Jahrzehnten viele Preise unter Druck. Wollte die Zentralbank in diesem Umfeld die Inflation nach unten begrenzen, musste sie eine lockere Geldpolitik verfolgen.

          Da die gängigen ökonomischen Modelle dem Kredit keine aktive Rolle im Wirtschaftsgeschehen einräumten, waren die Zentralbanken für die damit geschaffenen Kreditblase blind. Die Vertreter dieser Ansicht befürworten eine Änderung der geldpolitischen Strategie der Zentralbanken und sehen keinen zwingenden Grund, den Geschäftsbanken die Geldschöpfung zu verwehren. Eine radikale Antwort auf beide Kritikpunkte wäre die Abschaffung der Zentralbank durch die Rückkehr zum Goldstandard oder die Privatisierung des Geldangebots, verbunden mit einer Pflicht der Banken zur vollständigen Unterlegung von Einlagen mit Gold oder dem nicht von ihnen geschaffenen Geld.

          Ein radikaler Umbau unserer Geldordnung ist jedoch unwahrscheinlich, solange das Finanzsystem nicht zusammengebrochen ist. Dies sollte uns jedoch nicht davon abhalten, die bestehende Geldordnung zu verbessern.

          Zentralbank sollte auf Inflations- und Geldmengenziele verzichten

          Für die Zentralbank heißt dies, dass die unseligen Inflationsziele und die damit verbundene Politik aufgegeben werden. Angesichts der verschwommenen Definition der Geldmenge ist eine Rückkehr zu Geldmengenzielen, wie sie vor den Inflationszielen populär waren, nicht ratsam. Wesentlich besser zu erfassen ist das Kreditvolumen des Finanzsektors an die Realwirtschaft. Wenn die Zentralbank über ihre Zinspolitik ein Wachstum des Kreditvolumens im Einklang mit dem Wachstum des nominalen potentiellen Bruttoinlandsprodukts anpeilt, würde sie nicht nur zur Stabilisierung des Preisniveaus, sondern auch des Finanzsystems beitragen. Bei schwacher Konjunktur würde sie durch niedrige Zinsen auf Kredite an die Banken die Kreditvergabe fördern, bei starker Konjunktur würde sie über höhere Zinsen die Kreditvergabe dämpfen, und damit die Konsumentenpreisinflation - und indirekt die Wirtschaftsentwicklung - verstetigen. Kreditblasen würden unwahrscheinlich.

          Um die Zentralbank so weit es geht von der Politik abzuschirmen, sollte auch ihre Funktion als Kreditgeber der letzten Instanz auf absolute Ausnahmesituationen beschränkt werden. Dazu wäre es erstens notwendig, dass die Banken ihre - über den Kauf von Staatsanleihen gewährten - Kredite an Staaten auf die für andere Großkredite geltenden Grenzen reduzierten. Zweitens müssten die Banken auf Einlagen der Kunden, deren Sicherheit garantiert sein soll, in vollem Umfang Reserven an Zentralbankgeld halten. Dadurch würde die Sicherheit der Einlagen von der Fähigkeit eines Staates unabhängig, die Einlagenversicherung zu garantieren. Natürlich könnten Bankkunden auf sichere Einlagen keine Zinsen erwarten, sondern müssten mit Gebühren für die Verwahrung rechnen. Alle anderen, zinstragenden Forderungen an die Banken müssten bei der Insolvenz in einer vorher vereinbarten Reihenfolge zur Haftung herangezogen werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstration in Frankfurt an der Oder am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit

          Deutsche Einheit : Der Trugschluss über den Osten

          Die „Zeitenwende“ nach Putins Angriffskrieg trifft die östlichen Bundesländer ungleich härter. Den dortigen Protest muss man als Teil der gesamtdeutschen Wirklichkeit verstehen.
          Putin tritt auf dem roten Platz bei einem „Jubelkonzert“ zur Annexion der vier ukrainischen Gebiete auf

          Die Lage in der Ukraine : Für Putin gewonnen, im Felde zerronnen

          Moskau arbeitet das Annexionsprogramm einträchtig ab. Wegen der militärischen Lage mehrt sich derweil die Kritik an der militärischen Führung – unterhalb des Präsidenten. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.