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Mayers Weltwirtschaft : Ein Lob der Ungleichheit

  • Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Es ist in Mode gekommen, soziale Ungleichheit zu beklagen. Doch tatsächlich profitieren wir alle davon.

          Auf der Suche nach Wählerstimmen klagen Politiker über die angeblich wachsende soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Zur Rettung der sozialen Marktwirtschaft müsse die Politik für mehr soziale Gleichheit sorgen, fordern ihnen nahestehende Ökonomen. Abgesehen von der Frage, ob die soziale Ungleichheit wirklich zunimmt, stellt sich die Frage, ob soziale Gleichheit denn überhaupt so erstrebenswert ist.

          Ungleichheit spielt eine wichtige Rolle in allen Bereichen unserer Welt. Der Mathematiker Vilfredo Pareto hat in seinen Untersuchungen zur Verteilung von Einkommen und Vermögen im Italien des neunzehnten Jahrhunderts einen hohen Grad an Ungleichheit gefunden. Daraus hat er eine statistische Verteilungsfunktion abgeleitet, die dem Potenzgesetz unterliegt. Charakteristisch für die Paretoverteilung ist, dass ein relativ geringer Teil einer statistischen Population für die überwiegende Mehrheit der Attribute verantwortlich ist. So fand Pareto heraus, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung rund 80 Prozent des gesamten Volkseinkommens erzielen oder 80 Prozent des Volksvermögens besitzen.

          Paretoverteilungen finden sich in vielen statistischen Populationen ganz unterschiedlicher Art wieder. So leben in der Regel 80 Prozent der Bevölkerung eines Landes in 20 Prozent der Städte, 20 Prozent der deutschen Steuerzahler sind für 72 Prozent des Einkommenssteueraufkommens verantwortlich, oder 20 Prozent der Weltbevölkerung besitzt 85 Prozent des Weltvermögens. Auch die Entwicklung auf den Finanzmärkten wird von Ungleichverteilung im Sinne Paretos bestimmt. So zeigen Untersuchungen der Preisentwicklungen auf 15 Aktienmärkten für die Zeit von 1990 bis 2006, dass der Anlageerfolg von der Entwicklung gerade mal 2 Prozent aller Handelstage abhing.

          Die weite Verbreitung der Paretoverteilung hat dazu geführt, dass diese als „Pareto-Regel“ im Geschäftsleben und Alltag angewendet wird. Dabei wird sie oft als „80 zu 20“-Regel ausgedrückt, die sich aus einer bestimmten Parameterkombination der Potenzformel ergibt. So heißt es, dass 80 Prozent des Umsatzes mit 20 Prozent der Kunden gemacht werde, 80 Prozent einer Aufgabe in 20 Prozent der Zeit erledigt werden könnte, oder 80 Prozent der Kalorien mit 20 Prozent der Nahrung aufgenommen würden.

          Für die Politik stellt die Pareto-Regel eine Herausforderung dar. Für sie ist nicht die das wirtschaftliche Umfeld bestimmende Minderheit, sondern die für die politische Landschaft maßgebliche Mehrheit der Wähler entscheidend. Wenn sich also der größere Teil der Wähler mit dem kleineren Anteil an Vermögen oder Einkommen begnügen muss, ist die Versuchung enorm, die relativ „reiche“ Minderheit zu Gunsten der „armen“ Mehrheit zu schröpfen. Dass damit gemäß der Pareto-Regel die gesamte wirtschaftliche Leistungskraft vermindert wird, ist für viele Politiker unbedeutend, da die Wirkungen meist mit erheblicher Verzögerung zu sehen sind.

          Verantwortungsvolle Wirtschaftspolitiker sind sich dagegen der Gefahr, die mit dem Kampf gegen die Pareto-Regel verbunden ist, bewusst. So hat Ludwig Erhard in seinem Buch „Wohlstand für Alle“ gewarnt: „Die soziale Marktwirtschaft kann nicht gedeihen, wenn ... die Bereitschaft, für das eigene Schicksal Verantwortung zu tragen und aus dem Streben nach Leistungssteigerung an einem ehrlichen freien Wettbewerb teilzunehmen, durch vermeintlich soziale Maßnahmen auf benachbarten Gebieten zum Absterben verurteilt wird.“ Sozialpolitik bestand für ihn in der Linderung von Armut.

          In der politischen Ökonomie hat Friedrich August von Hayek in seinem Buch „Die Verfassung der Freiheit“ darauf hingewiesen, dass aufgrund der Ungleichheit der Menschen die erzwungene Herstellung materieller Gleichheit zu ungleicher rechtlicher Behandlung führen muss. Im Umkehrschluss gilt: „Die Gleichheit vor dem Gesetz, die die Freiheit fordert, führt zu materieller Ungleichheit.“

          In der katholischen Soziallehre hat Martin Rhonheimer in einem bemerkenswerten Aufsatz in der F.A.Z. vom 17. Mai die Missachtung der Rolle des Unternehmers kritisiert: „Treffen die Statistiken zu, so sind es, vereinfacht ausgedrückt, weltweit 70 Millionen Personen (das vielzitierte reichste Prozent in puncto Vermögen, dem die großen und mittleren Unternehmen der Welt gehören), die dem Großteil der restlichen 99 Prozent Arbeit, Einkommen und Konsum ermöglichen.“

          Ludwig Erhards Rat war, sich nicht „in Kämpfen um die Distribution des Ertrags zu zermürben und sich dadurch von dem allein fruchtbaren Weg der Steigerung des Sozialprodukts abdrängen zu lassen“. Heute scheinen Politiker zu glauben, dass Wohlstand von alleine kommt und es nur darum geht, eine politisch attraktive Verteilung herbeizuführen.

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