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Mayers Weltwirtschaft : Die Zeitbombe

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Der Streit um die Pensionansprüche der Piloten ist erst der Anfang.

          3 Min.

          Die Piloten der Lufthansa haben einen anspruchsvollen Beruf und tragen eine hohe Verantwortung. Dafür werden sie gut bezahlt. Darüber hinaus haben sie eine Altersversorgung, die mit ihrer Großzügigkeit nicht mehr in unsere Zeit passt. Es wäre wohl eine Beleidigung ihrer Intelligenz, zu unterstellen, dass die Piloten dies nicht verstehen. Dennoch haben sie für ihre Privilegien schon mehrfach gestreikt und dabei in Kauf genommen, dass sie das Unternehmen massiv schädigen. Sollte die bedingungslose Verteidigung von Ansprüchen auf eine Altersversorgung de Luxe in Deutschland Schule machen, wäre es um unsere Wirtschaft schlecht bestellt.

          Nach einer mehr als 50 Jahre bestehenden Übereinkunft dürfen die 5400 Piloten der Lufthansa mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen. Um die Versorgungslücke bis zum Eintritt in die gesetzliche Rente mit 65 Jahren zu schließen, zahlt ihnen die Lufthansa ein Übergangsgeld, das bis zu 60 Prozent des letzten Bruttogehalts betragen kann. Diese Versorgungszusage und andere Verpflichtungen im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung haben dazu geführt, dass das Unternehmen nach eigener Rechnung Pensionsverpflichtungen in Höhe von 15 Milliarden Euro hat. Diese Verpflichtungen betragen rund 40 Prozent der gesamten Aktiva von rund 38 Milliarden Euro und 250 Prozent des Eigenkapitals von 6 Milliarden Euro.

          Der bilanzielle Wert der Pensionsverpflichtungen wird berechnet, indem zukünftige Pensionsansprüche auf ihren Gegenwartswert abgezinst werden. Dahinter steht die Überlegung, dass heute getätigte Rückstellungen sich über die Zeit verzinsen und daher auf die Höhe künftiger Pensionsverpflichtungen wachsen können. Um also eine in zehn Jahren fällige Zahlung von 100 Euro leisten zu können, muss man heute nur 68 Euro zurücklegen, wenn man auf diese Rücklage 4 Prozent Zins pro Jahr bekommt. Zur Berechnung ihrer künftigen Pensionsverpflichtungen hat die Lufthansa einen Zinssatz von 3,75 Prozent angenommen.

          Angesichts einer Rendite von nur 1,8 Prozent auf dreißigjährige Bundesanleihen mag die Hoffnung der Lufthansa, auch in Zukunft eine Verzinsung ihrer Rückstellungen für Pensionsverpflichtungen von 3,75 Prozent zu erzielen, optimistisch erscheinen. Wenn aber der Zinssatz sinkt, dann steigen die Pensionsverpflichtungen. Nach einer Überschlagsrechnung würden bei einem Zinssatz von 2,75 Prozent die Pensionsverpflichtungen auf 20 Milliarden Euro steigen. Nimmt man die 1,8 Prozent Rendite der dreißigjährigen Bundesanleihen, würden die Pensionsverpflichtungen gar auf 31 Milliarden Euro klettern. Im ersten Fall betrüge das Eigenkapital des Unternehmens gerade noch eine Milliarde Euro, im zweiten Fall würde es auf minus 10 Milliarden Euro sinken.

          Teure Neubewertung 

          Diese illustrativen Rechnungen machen klar, dass bei dauerhaft niedrigen Zinsen bestehende Pensionsansprüche nicht befriedigt werden können. Die Lufthansa kann es sich eigentlich nicht leisten, die Forderungen der Piloten zu erfüllen. Tut sie es dennoch, müsste sie sich darauf gefasst machen, dass bei andauernden Niedrigzinsen eine Neubewertung der Pensionsverpflichtungen das Unternehmen in die Insolvenz rutschen lassen könnte. Bei einem Zinssatz von 1,8 Prozent wären die Verbindlichkeiten des Unternehmens um ungefähr 10 Milliarden höher als seine Vermögenswerte. Dies würde die Finanzierung extrem verteuern oder gar unmöglich machen und die Insolvenz auslösen, wie dies schon bei amerikanischen Fluggesellschaften der Fall war.

          Unter den großen deutschen Unternehmen ist die Lufthansa bei den Betriebspensionen wohl am schlechtesten dran. Sie hat eine der höchsten Pensionsverpflichtungen bezogen auf die Aktiva und eine aggressive Spartengewerkschaft. Aber die Lufthansa ist kein Einzelfall. Im Schnitt betragen die Pensionsverpflichtungen aller Dax-Unternehmen 15 Prozent ihrer Bilanzsumme und über 55 Prozent ihres Eigenkapitals. Auch diese Unternehmen müssen mit einer schmerzhaften Erhöhung ihrer Pensionsverpflichtungen rechnen, wenn die niedrigen Zinsen andauern. Wie die Lufthansa werden sie gezwungen sein, ihre Pensionszusagen neu zu verhandeln, um zu verhindern, dass die steigenden Verpflichtungen ihr Eigenkapital auszehren.

          Die Gefahr wächst

          Wenn sogar die hochqualifizierten Piloten diese Zusammenhänge nicht verstehen wollen, ist die Aussicht, dass andere Berufsgruppen mehr Einsicht zeigen, nicht gut. Die Gefahr wächst, dass Kämpfe um Privilegien zunehmen und dass die Ansprüche nur durch die Insolvenz der Unternehmen auf das wirtschaftlich vertretbare Maß gekürzt werden können. Dies wäre für die deutsche Wirtschaft ein äußerst schmerzhafter Prozess. Doch die Hoffnung auf Einsicht stirbt bekanntlich zuletzt.

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