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Mayers Weltwirtschaft : Die wahre Ursache der Ungleichheit

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Warum Thomas Piketty falschliegt

          Es gibt Bücher, die zu Bestsellern werden, weil sie den Zeitgeist treffen. Thomas Pikettys Buch zum Kapitalismus im 21. Jahrhundert gehört dazu. Der Autor beklagt dort, dass die Konzentration von Einkommen und Vermögen auf wenige seit den 1970er Jahren stark zugenommen habe. Der Grund dafür sei, dass die Verzinsung auf das Kapital höher sei als das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Dadurch wüchsen die Einkommen und Vermögen der Kapitalisten stärker als die Einkommen der Habenichtse. Staatliche Umverteilung sei dringend nötig.

          Pikettys These wurde sowohl aus theoretischer als auch empirischer Sicht kritisiert. Hans-Werner Sinn hat in der F.A.S. darauf hingewiesen, dass die These nur dann gelten würde, wenn die volkswirtschaftliche Ersparnis mit dem Zinseinkommen gleichgesetzt werden könnte. Diese Annahme widerspricht aber sowohl den Aussagen der Wachstumstheorie als auch den Fakten. Chris Giles hat in der

          „Financial Times“ Fehler in Pikettys Tabellen gefunden und die eigenwillige Wahl der Zeitfenster für die Messung der Konzentration kritisiert. Verschiebt man die Zeitfenster, sind die von Piketty erkannten Trends zu mehr Ungleichheit nicht mehr so klar. Und Daniel Stelter zeigt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Schulden im 21. Jahrhundert“, dass der in den vergangenen Jahren zu beobachtende Anstieg der Vermögen und Vermögenseinkommen nicht ohne einen entsprechenden Anstieg der Verschuldung möglich gewesen wäre. Die Explosion der Verschuldung aber hängt eng mit unserem Geldsystem zusammen.

          Der Cantillon-Effekt

          Richard Cantillon, ein französischer Bankier aus dem frühen 18.Jahrhundert, hat als Erster bemerkt, dass diejenigen, die an der Quelle der Geldproduktion sitzen, am meisten davon profitieren. Mit dem neuen Geld können sie Güter erwerben. Der Anstieg der Nachfrage lässt jedoch mit der Zeit die Preise steigen. Verlierer im Prozess der Geldschöpfung sind diejenigen, in deren Taschen das neu geschaffene Geld nicht gelandet ist, die aber dennoch die dadurch entstandenen höheren Preise zahlen müssen. Geldschöpfung führt nach Cantillon also zu mehr Ungleichheit von Einkommen und Vermögen.

          In unserem heute bestehenden Kreditgeldsystem entsteht Giralgeld über die Vergabe von Krediten durch die Banken. Wer zur Bank geht, um einen Kredit aufzunehmen, will Geld auf seinem Girokonto sehen, mit dem er sich etwas kaufen kann. Die Verpflichtung gegenüber der Bank in Form eines Kreditvertrags ist die Bedingung dafür, dass ihm die gewünschte Geldsumme auf dem Konto gutgeschrieben wird. Dafür muss die Bank keine Spargelder einsammeln, sie kann das Geld eigenmächtig schaffen. In diesem Geldsystem profitiert der Kreditnehmer von der Geldschöpfung, denn er sitzt an der Quelle.

          Mit dem neuen Geld kann er sich Güter oder Vermögenswerte zum bestehenden Preis kaufen. Dagegen leiden alle, die wegen gestiegener Nachfrage höhere Preise bezahlen müssen, ohne von dem neu geschaffenen Geld zu profitieren. Da Banken Sicherheiten von denen verlangen, denen sie Geld über Kredite zukommen lassen, wird in unserem Kreditgeldsystem überwiegend jenen gegeben, die schon haben. Diese als Cantillon-Effekt bekannte Nebenwirkung stark gestiegener Kredite – und nicht Pikettys fehlerhafte Weltformel – war für die Zuname der Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung verantwortlich.

          Amerikanische Politiker haben zu Anfang des Jahrtausends das Problem intuitiv richtig erfasst. Nur haben sie daraus den fatalen Schluss gezogen, den Zugang zu Krediten für Haushalte der unteren Einkommensgruppen zu öffnen. Bekommen die benachteiligten Gruppen der Gesellschaft reichlich Kredit, so die Überlegung, dann werden sie wirtschaftlich aufsteigen. Da für einkommensschwache Haushalte Verschuldung aber schnell existenzbedrohend werden kann, sind Kredite an diese Gruppe riskant. Durch die Bündelung einzelner Hypotheken („Sub-Prime“) mit Hilfe der Finanztechnik sollten deshalb Kreditpakete mit Ausfallrisiken in der Höhe hochwertiger Anleihen geschaffen werden. Heute wissen wir, dass die Finanztechnik nichts getaugt hat. Nach dem Scheitern dieses Umverteilungsplans ist Pikettys These in liberalen Kreisen in Amerika populär geworden. Völlig untergegangen ist in der Diskussion die Alternative: die Reform unseres Geldsystems.

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