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Mayers Weltwirtschaft : Die nächste Währungskrise

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Viele Länder haben ihre Währungen an den Dollar gekoppelt. Wenn jetzt die Zinsen steigen, drohen Konflikte.

          Was ist die größte Währungsunion der Welt? Natürlich die Europäische Währungsunion, werden Sie jetzt denken. Falsch. Es ist die Dollarunion. In einer Studie hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gezeigt, dass eine große Zahl von Ländern ihre Währungen eng am Dollar orientiert („Currency movements drive reserve composition“, BIS Quarterly Review December 2014). Nach ihrer Schätzung hat der Einflussbereich des Dollars, die „Dollarzone“, einen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt von rund 60 Prozent. Das ist das Sechsfache des entsprechenden Anteils der Eurozone. Wie für eine gemeinsame Währungszone üblich, haben in der Dollarzone viele Banken und Unternehmen in Dollar geführte Guthaben und Schulden. Das hat zur Folge, dass die für sie wichtigen Zinsen im Wesentlichen von der amerikanischen Notenbank Fed und nicht von den jeweiligen nationalen Notenbanken beeinflusst werden.

          Wie in der Eurozone die EZB, so bestimmt in der Dollarzone die Fed die Marschrichtung, mit sehr ähnlichen Folgen. In der Eurozone fielen mit Beginn der Währungsunion die Zinsen der übrigen Mitgliedsländer auf das tiefe Niveau Deutschlands. Das löste in diesen Ländern einen Kreditboom aus, der zur Überschuldung von Staaten und privaten Akteuren führte. Mit dem Anstieg der Leitzinsen der EZB von Ende 2005 bis Juli 2008 platzte die Blase, und der Euroraum stürzte in die Krise. Für die Mitgliedsländer der Dollarzone stürzten die Zinsen ab, als die Federal Reserve die vom Kollaps minderwertiger Hypotheken ausgelöste Finanzkrise bekämpfte. Auch hier erlebten die Länder einen Kreditboom, der ebenfalls zu Überschuldung führte. Als die Fed dann ihre Politik der quantitativen Lockerung im Jahr 2014 beendete und dieses Jahr öffentlich über eine Erhöhung ihres Leitzinses nachdachte, kamen die Mitgliedsländer der Dollarzone unter Druck.

          Noch hat die Krise im Dollarraum nicht die Intensität der Euro-Krise erreicht. Doch die Dollarzone könnte dem Krisenszenario der Europäer weiter folgen. Als die Staaten und Banken in den überschuldeten Euroländern wankten, kamen andere Euroländer zu Hilfe. Aber es war vor allem die EZB, welche die Währungszone stabilisierte. Sie übernahm die Rolle des Kreditgebers der letzten Instanz für Banken und finanzierte über das Interbankzahlungssystem Target2 die Kapitalflucht aus den Krisenländern. Mit ihrem OMT-Anleihekaufprogramm positionierte sich die EZB auch als Kreditgeber der letzten Instanz für die Staaten des Euroraums.

          In der Dollarzone haben ähnliche Kapitalbewegungen von der Peripherie zum Zentrum begonnen. Dies führt zu Engpässen bei der Refinanzierung von in Dollar laufenden Schulden. Im Gegensatz zur EZB hat die Fed keinen Auftrag zur Aufrechterhaltung eines ordentlichen Zahlungsverkehrs in der Dollarzone. Lässt die Fed den Dingen aber ihren Lauf, so könnte die Knappheit an Dollarfinanzierung zu Zusammenbrüchen von Unternehmen und Banken in der Peripherie der Dollarzone führen. Da die Peripherie (mit 44 Prozent Anteil am globalen BIP) jedoch mehr als doppelt so groß ist wie das nordamerikanische Zentrum (mit 16 Prozent Anteil), dürfte die gesamte Dollarzone davon in den Strudel der Krise gerissen werden.

          Wie kann die drohende Krise verhindert werden? Internationaler Währungsfonds und Weltbank warnen die Fed vor einer weiteren Straffung ihrer Geldpolitik. Doch Nullzinsen und aufgeblähte Zentralbankbilanzen verschieben die Probleme nur in die Zukunft – und vergrößern sie dabei. Andere Stimmen drängen die Fed zur Bereitstellung von Dollarliquidität über Swap-Abkommen mit den anderen Zentralbanken der Dollarzone. Aber die amerikanische Öffentlichkeit wird es wohl kaum tolerieren, wenn die Fed hohe Kredite von zweifelhafter Qualität an diese Zentralbanken vergibt, wie die Bundesbank im Rahmen von Target2 an das System europäischer Zentralbanken. Letztlich bleibt nur ein Ausweg: die Auflösung der Dollarzone.

          Dies dürfte schmerzhaft sein und könnte die Welt in eine neue Rezession stürzen. Aber Krisen schaffen auch die Voraussetzungen für neue Anfänge. Wesentlicher Bestandteil eines neuen Anfangs müsste das Ende des wirtschaftspolitischen Konstruktivismus und der Herrschaft der Zentralbanken sein. Nötig wäre unelastisches Geld, das von unpolitischen öffentlichen und privaten Institutionen im Wettbewerb als Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung herausgegeben wird – und nicht zur Steuerung der Wirtschaft. Ob die Verwendung dieser Gelder über Landesgrenzen hinausgeht, sollte den Marktkräften überlassen bleiben. Und wer mit diesem Geld nicht haushalten kann, sollte für die Konsequenzen selbst haften müssen.

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