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Mayers Weltwirtschaft : Die Mär von Chinas Abstieg

  • Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Mit schöner Regelmäßigkeit reden vermeintliche Experten ein Ende des chinesischen Aufschwungs herbei. Sie liegen falsch.

          George Soros, der große alte Mann der Hedgefondsbranche, setzt darauf, dass die hochverschuldete chinesische Wirtschaft demnächst in eine Finanzkrise stürzen wird. Die Erwartung, dass die „China-Blase“ platzen wird, ist nicht neu. Mancher wartet schon viele Jahre vergeblich darauf. Ein Grund dafür, dass diese Erwartung bisher enttäuscht wurde, liegt darin, dass die chinesische Wirtschaft trotz aller frühkapitalistischen Schroffheit immer noch vom Staat recht eng und bisher erfolgreich an der Leine geführt wird. Soros und andere erwarten einen Kontrollverlust des Staates nach dem Muster der Krise der Schwellenländer im Jahr 1998. Als dort die Schuldenblase platzte, stürzten nicht nur die Finanzmärkte, sondern auch die Währung ab, weil viele Länder Schwierigkeiten hatten, ihre Leistungsbilanzdefizite mit Kapitalzuflüssen aus dem Ausland zu finanzieren. Doch taugt die Krise der Schwellenländer von 1998 als Vorlage für die künftige Entwicklung Chinas? Zweifel sind angebracht. Der Blick nach Japan lohnt sich. Wie China seit Beginn der neunziger Jahre erlebte Japan in der Nachkriegszeit einen industriepolitisch gesteuerten Aufstieg. Das Ministerium für Internationalen Handel und Industrie (MITI) war die zentrale Planungsbehörde für die Industriepolitik. Mit fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung und dem Aufschluss der japanischen Unternehmen zu ihren westlichen Wettbewerbern sank der Einfluss des MITI. Doch dies hatte keineswegs zur Folge, dass sich der Staat als Wirtschaftsmanager zurückzog. Die kleinteilige Industriepolitik wurde durch makroökonomische Globalsteuerung ersetzt. Damit hatte die Politik jedoch weniger Erfolg. In den 1980er Jahren stemmte sich die Bank von Japan mit einer expansiven Geldpolitik gegen eine Aufwertung des Yens, die sich ohne Wechselkursmanagement aus der lockeren Geldpolitik in den Vereinigten Staaten ergeben hätte. Die Tiefzinsen, scheinbar gerechtfertigt durch moderate Konsumentenpreisinflation, feuerten eine Vermögenspreisblase gewaltigen Ausmaßes an.

          Als Anfang der neunziger Jahre die „Blasenökonomie“ spektakulär platzte, fielen in der Folgezeit Japans Aktienbörse Nikkei um 60 Prozent und die Wohnungspreise in Tokio um 45 Prozent. Man hätte nun eine scharfe Rezession erwarten dürfen, wie sie in Amerika und Europa 2008/2009 zu sehen war. Dem war nicht so. Dank der massiven geld- und fiskalpolitischen Unterstützung blieb das japanische Wachstum bis in die zweite Hälfte der neunziger Jahre positiv. Erst eine Mehrwertsteuererhöhung zog die Wirtschaft dann 1998 in die Rezession. Die Engführung der Wirtschaft durch den Staat verhinderte in Japan eine Entwicklung wie jüngst in den westlichen Industrieländern. Möglich wurde dies durch die chronischen Leistungsbilanzüberschüsse Japans, die das Land ohne ausländische Kapitaleinfuhren auskommen ließen. Dazu kam die Heimattreue der japanischen Sparer. Der Staat hatte genügend Finanzmittel zur Verfügung, um alle Löcher zu stopfen, die die Finanzkrise aufgerissen hatte.

          Heute ähnelt China dem Japan der 1980er und 1990er Jahre. Die industriepolitische Feinsteuerung wird nach und nach durch makroökonomische Globalsteuerung ersetzt. Das Land hat enorme Sparüberschüsse, die gegenwärtig noch exportiert werden, und der Staat ist nur mäßig verschuldet. Es sind also wie in Japan genügend Finanzmittel da, um die in einer Finanzkrise gerissenen Löcher zu stopfen. Möglicherweise sind die Chinesen nicht so heimattreu wie die Japaner. Aber im Notfall können wieder strengere Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, falls ein Export heimischer Ersparnisse verhindert werden muss. Sollte also die chinesische Blase doch einmal platzen, könnten durchaus „japanische Verhältnisse“ entstehen. Ein Ablauf nach japanischem Muster hätte andere Konsequenzen für Währung und Zinsen als von Soros erwartet. Da nach dem Platzen der Blasenökonomie ein Teil der japanischen Ersparnisse nicht mehr exportiert, sondern zur Stützung von Unternehmen, Banken und privaten Haushalten verwendet wurde, wertete der Yen in der ersten Hälfte der neunziger Jahre gegenüber Japans Handelspartnern um 116 Prozent auf. Gleichzeitig standen dem Staat genügend Ersparnisse zur Verfügung, um seine schnell steigende Schuldenaufnahme zu immer niedrigeren Zinsen finanzieren zu können. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre fielen daher die Zinsen auf zehnjährige japanische Staatsanleihen um mehr als vier Prozentpunkte. Wer in Japan ein Vorbild für die künftige Entwicklung in China sieht, könnte also das Gegenteil von dem erwarten, was in den Schwellenländern 1998 geschah: eine Aufwertung der Währung und einen Fall der Zinsen.

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