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Mayers Weltwirtschaft : Die Griechen werden entspannter

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Geldgeber Griechenlands drängen nicht mehr so auf rasche Zurückzahlung ihrer Kredite. Das ähnelt ein bisschen japanischen Verhältnissen.

          3 Min.

          Griechenland war unter den Eurostaaten der sprichwörtliche Kanarienvogel in der Kohlemine, der von der Stange fiel, als die globale Kreditblase platzte. Deshalb reise ich mindestens einmal im Jahr nach Athen, um der Krise den Puls zu fühlen. Vor zwei Jahren stieg mir noch der Geruch von Tränengas in die Nase, als ich über den Syntagmaplatz spazierte. Damals stand das Land am Rand des Zusammenbruchs.

          Vor einem Jahr betrat ich das Finanzministerium durch die Tiefgarage, denn vor dem Haupteingang lärmte ein Trupp von Demonstranten, der mich mit einem Vertreter der Troika verwechselte. Die Stimmung war düster und angespannt. Dagegen schien dieses Jahr die Frühlingssonne über ein befriedetes Athen. Die übliche Demonstration gegen die „Austeritätspolitik“ der Regierung schien eher wie eine für die Touristen arrangierte folkloristische Veranstaltung. Vertreter von Politik und Wirtschaft erklärten mir, man habe es nun geschafft. Vom Europäischen Stabilitätsmechanismus brauche man kein Geld mehr, da sich die Anleger um Anleihen des griechischen Staates und der Banken wieder reißen würden. Die Arbeit der Troika sei beendet. Allenfalls lasse man das IWF-Programm bis zu seinem natürlichen Ende im März 2016 weiterlaufen, um ausländische Anleger nicht zu verstören. Auf die Frage, ob denn eine Staatsschuldenquote von rund 177Prozent des BIP nicht doch noch bedrückend sei, kam von hoher politischer Warte die verblüffende Antwort: Dies sei kein Thema mehr, denn man habe die griechische Staatsschuld „japanisiert“.

          Die Japanisierung Griechenlands

          Gemeint war damit der Umstand, dass nun der größte Teil der griechischen Staatsschuld von europäischen Regierungen und Institutionen gehalten wird, die wie die japanischen Besitzer einheimischer Staatsanleihen nicht mehr auf die Rückzahlung der Schuld drängen. „Japanisierung“ ist ein Konzept mit Zukunft, verwandelt es doch abzutragende Schuld in nicht rückzahlbare Buchungsposten, die man getrost vernachlässigen kann. „Japanisierung“ hat das Potential, anderen hochverschuldeten Euroländern den Weg zu weisen. Zwar können sie nicht wie Griechenland ihre Schuld vertrauensvoll in die Hände des ESM legen. Dafür ist dessen Kapazität zu klein. Doch entfaltet die Aufstellung der EZB als Kreditgeber der letzten Instanz für Eurostaaten die gleiche Wirkung. Sollte die Refinanzierung staatlicher Schuld am Markt nicht möglich sein, steht im Notfall die EZB bereit. Die Möglichkeit der Hilfe durch die Zentralbank macht auch sehr hohe Schuldenlasten tragbar und den Abbau der Verschuldung wenig dringlich. „Japanisierung“ scheint das Wundermittel, mit dem die Schuldenkrise in der Euro-Krise überwunden werden kann.

          Doch die „Japanisierung“ der Verhältnisse hat auch ihre Schattenseiten, wenn sie über die Verwandlung der Schuld in einen nicht rückzahlbaren Buchungsposten hinausführt. So erwarten die Auguren für die griechische Wirtschaft dieses Jahr ein Wachstum von gerade mal 0,6 Prozent in realen Werten, das bei fortdauernder Deflation zu einer nominalen Schrumpfung der Wirtschaft um 1,5 Prozent führen dürfte. Rund 80 Milliarden an Bankkrediten, ein gutes Drittel aller Kredite, sind notleidend. Da sich die Banken scheuen, diese Kredite abzuschreiben, gibt es viele sogenannte „Zombie-Unternehmen“, die weiter existieren, obwohl sie längst bankrott sind.

          Woher soll in Griechenland Wachstum kommen?

          Politik und Wirtschaft sind recht ratlos, wie das Wachstum mittelfristig gestärkt werden kann. Zwar dürfte die Tourismusindustrie ein weiteres gutes Jahr haben, aber dies allein wird nicht für eine kraftvollere Erholung reichen. Man hofft auf Investitionsprogramme der Europäischen Investitionsbank und der europäischen Strukturfonds, da die Investitionsquote magere 12 Prozent beträgt und noch immer rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung in den privaten und öffentlichen Konsum fließen. Noch düsterer sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus, wo die Arbeitslosenrate bei 27,5 Prozent verharrt. „Japanisierung“ der Verhältnisse bedeutet auch einen Verlust an Vertrauen in die Fähigkeit der Politik zur Gestaltung. So ist die frühere Regierungspartei Pasok nur noch ein Schatten ihrer selbst, und neue politische Formationen, wie die erst im März gegründete neue Partei To Potami, erleben einen kometenhaften Aufstieg.

          Auf der Rückreise aus Griechenland ist die Frage zu beantworten, was sich denn nun seit dem letzten Besuch geändert hat. Die Antwort lautet: Dank des massiven Beistands von außen sind die finanziellen Risiken unter Kontrolle. Aber die Aussichten für die Wirtschaft und politische Stabilität bleiben besorgniserregend.

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