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Mayers Weltwirtschaft : Die EZB ist schuld

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Europäische Zentralbank bewahrt uns nicht vor Krisen. Sie führt uns stattdessen tiefer hinein.

          3 Min.

          In ihrer Tischrede an die Teilnehmer der EZB-Konferenz in dem portugiesischen Luxusresort Sintra hat Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, die Notenbanker angeblich als die „wahren Helden der Finanzkrise“ bezeichnet. Das ist bemerkenswert. Denn die Schmeichelei galt denjenigen, die mit ihrer auf Inflationsziele fixierten Geldpolitik einen maßgeblichen Beitrag zur Entstehung der Krise leisteten und uns nun mit der gleichen Politik herausführen wollen. Aber Lagardes Lob trifft den Zeitgeist. Entfesselte Märkte sollen das Schlamassel verursacht haben, so die gängige Lesart. Aus diesem Schlamassel sollen uns nun erleuchtete Politiker und Technokraten in den Finanzministerien und Zentralbanken, die es natürlich besser wissen als die Märkte, herausführen.

          Dabei wird umgekehrt ein Schuh daraus: Die Anmaßung von Wissen der Wirtschaftsplaner in den Notenbanken und Ministerien hat uns in die Krise geführt. Nur diese Einsicht und eine Wirtschaftsordnung, die auf das in den Märkten geschaffene Wissen vertraut, kann uns wieder hinausführen. Menschliche Beziehungen sind so kompliziert, dass kein Psychologe auf die Idee käme, sie mit Hilfe mathematischer Modelle mechanisch zu erklären. In der Ökonomie treffen wir jedoch vereinfachende Annahmen über die Beweggründe für menschliches Verhalten, so dass wir wirtschaftliche Beziehungen mit mathematischen Modellen erklären können, in denen Ursachen und Wirkungen mechanisch zusammenhängen.

          Die Steuerung der Wirtschaft

          Das daraus geschaffene Scheinwissen hilft, in normalen Zeiten gelegentlich halbwegs zutreffende Aussagen zu machen. Damit begründen heutige Ökonomen dann den Anspruch auf die Steuerung der Wirtschaft. Zur Untermauerung dieses Anspruchs schlüpft die Elite gerne in den Mantel der Unfehlbarkeit, indem sie sich gegenseitig Preise verleiht, die von der schwedischen Zentralbank als Kopie der Nobelpreise für Naturwissenschaften seit 1969 gestiftet werden. Natürlich schleichen sich in die auf Scheinwissen beruhende Steuerung der Wirtschaft gravierende Fehler ein, so dass auf normale Zeiten turbulente folgen, in denen sich die mechanischen Annäherungen an die komplexe Wirklichkeit in Luft auflösen. Dies wurde während der Finanzkrise für jedermann sichtbar. Doch wie Frau Lagardes Lob zeigt, hat dieses Ereignis den Experten anscheinend mehr Respekt verschafft, anstatt sie zu entzaubern.

          Frei von Selbstzweifeln eifern die Ökonomen anscheinend auch nach der Finanzkrise verstärkt den Ingenieuren nach. In der Rubrik „Der Sonntagsökonom“ dieser Zeitung (18. Mai) wurde berichtet, dass sich moderne Ökonomen heute den Ingenieuren nahe fühlen. Ihre Vorgänger vergleichen sie abschätzig mit Priestern. Diese Verwechslung der Ökonomie mit den exakten Wissenschaften führt zu der Anmaßung von Wissen darüber, wie die Wirtschaft gesteuert werden soll. Dass dabei Brücken konstruiert werden, die immer wieder einstürzen, scheint weder den Gestaltern noch dem breiten Publikum von Bedeutung zu sein.

          Denn wie sonst wäre es zu verstehen, dass die Zentralbanker nun zu „unkonventionellen Mitteln“ der Geldpolitik greifen, um die

          Finanzmärkte und die Wirtschaft noch umfassender zu steuern als vor der Krise? Und wie sonst wäre es zu erklären, dass die Politiker den Ehrgeiz haben, kein Produkt, keinen Markt und keinen Akteur ohne staatliche Regulierung zu belassen? Dieselben Experten, die Beihilfe zur Finanzkrise geleistet haben, fühlen sich dazu berufen, die Welt aus der Krise zu führen.

          Was Hayek dazu sagte

          In seiner Tischrede zum Empfang des Nobelpreises hat Friedrich von Hayek 1974 andere Töne angeschlagen. Er warnte davor, dass dieser Preis dem Empfänger eine Autorität verleihe, die er nicht haben sollte. In den Naturwissenschaften sei dies kein Problem, so Hayek, da die Autorität des Experten von anderen Experten auf der Basis von Fakten zurechtgestutzt werden könne. Aber der Ökonom übe seinen Einfluss auf Laien, Politiker, Bürokraten und das breite Publikum aus. Es gebe jedoch keinen Grund dafür, dass jemand, der einen Beitrag auf einem sehr speziellen Gebiet geleistet hat, nun von der Öffentlichkeit als allwissend angesehen werde.

          Von Hayek schlug deshalb eine Art hippokratischen Eid für Preisträger vor, in dem diese sich verpflichten sollten, in öffentlichen Auftritten ihre Kompetenzen nicht zu überschreiten. Manchem Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften würde es gut anstehen, diesen Eid zu leisten. Noch wichtiger aber wäre, dass Notenbanker und Wirtschaftspolitiker diesen Eid leisteten, um die Allgemeinheit vor ihrem auf Selbstüberschätzung beruhenden Gestaltungswillen zu schützen.

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