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Mayers Weltwirtschaft : Die deutsche Angst

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Den Deutschen geht es gut. Jetzt haben sie Sorge, ihren Reichtum mit den Flüchtlingen teilen zu müssen. Die Politiker ignorieren das.

          Der Widerwille, Verluste zu akzeptieren, ist in der Verhaltensökonomie und in der Finanzberatung ein gut bekanntes Muster menschlichen Verhaltens. Die meisten Menschen bewerten Verluste höher als Gewinne in gleicher Höhe und scheuen daher vor Handlungen zurück, die mit Verlusten verbunden sein könnten, auch wenn sie sich dadurch gute Chancen auf Gewinne entgehen lassen. Der Umstand, dass die Deutschen mehr als andere Nationalitäten Aktienanlagen meiden und auf Geldbeständen sitzen, die nicht nur keine Zinsen bringen, sondern von der Inflation schleichend entwertet werden, deutet darauf hin, dass ihre Angst vor Verlusten besonders groß ist.

          Die Angst vor Verlust ist kein auf die Ökonomie und den Finanzmarkt begrenztes, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Der Soziologe Heinz Bude findet, dass Angst das eine moderne Gesellschaft einigende Thema ist. Darunter ist Angst vor dem Verlust des gesellschaftlichen Status die mächtigste Variante. Die drei wichtigsten Quellen für die heutige Status-Panik sind die Globalisierung und Digitalisierung der Wirtschaft, die nachlassenden Leistungen der Altersversorgung und die Immigration.

          Die gesellschaftliche Mitte hat Angst, durch die Digitalisierung der Wirtschaft und die Entstehung einer zahlenmäßig weit größeren und aufstiegswilligen Mittelklasse in den Schwellenländern sozial abzusteigen. Technischer Wandel und internationaler Handel bedrohen Arbeitsplätze, die lange Zeit als Garanten für einen angemessenen Lebensstandard galten. Die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung sinken, wobei es ein geringer Trost ist, wenn das Renteneinkommen nur um 52 Prozent statt 54 Prozent unter das gewohnte Lohneinkommen fällt.

          Die Absturz-Panik nährt den Widerstand gegen die Immigration

          Und die private, mühsam angesammelte Geldersparnis ist durch die wilden Geldexperimente der Europäischen Zentralbank bedroht. Die Status-Panik nährt in der Mittelschicht die Bildungs-Panik. Man hofft, seine Nachkommen durch die bestmögliche Bildung vor dem Statusverlust zu retten und rastet aus, wenn man sein Kind in der Schule in einer Population von bildungsfernen Angehörigen der Unterschicht und Migranten wiederfindet. Die untere Etage der Gesellschaft fürchtet sich vor dem freien Fall aus der Erwerbsgesellschaft in einen Sozialstaat, dessen Netz immer mehr belastet wird. Was, wenn der befristete Arbeitsvertrag nicht mehr verlängert wird? Was, wenn der dauernd ums Überleben kämpfende Betrieb endgültig Pleite geht?

          Die Absturz-Panik nährt den Widerstand gegen die Immigration aller Mühseligen und Beladenen dieser Welt in den deutschen Wohlfahrtsstaat, der vielen dieser Zuwanderer wie der Himmel auf Erden vorkommen muss. Das Paradoxe ist, dass Verlustangst mit steigendem Wohlstand zunimmt. Denn wo nichts ist, da gibt es auch nichts zu verlieren. So steht eine von Verlustangst geplagte deutsche Wohlstandgesellschaft einem anscheinend nicht enden wollenden Zustrom hungriger Zuwanderer gegenüber, die nichts zu verlieren haben.

          Die politische Elite versteht die Angst nicht

          Die politische Elite scheint die „Gesellschaft der Angst“ (Bude) nicht mehr zu verstehen. Auf die Verlustangst der Mittelschicht hat die sich gerade bildende Regierung von CDU/CSU und SPD die Antwort: Ausbau des Breitbandinternets, 3,5 Milliarden Euro mehr für die Schulen und mehr Europa. Sichert mir das denn meinen Arbeitsplatz, die Bildung meiner Kinder und die Kaufkraft meiner Geldersparnisse? Ach ja, und da war dann auch noch was mit der Rente, für die meine Kinder mehr zahlen sollen, so dass mein sozialer Abstieg um ein paar Prozentpunkte weniger krass ausfallen könnte, wenn denn die Rechnung wirklich aufgeht.

          Auf die Verlustangst der unteren Gesellschaftsschicht lautet die Antwort der ewig Regierenden: Zuwanderung in den Wohlfahrtsstaat von 180.000 und 220.000 Menschen, die vielleicht ein bisschen Lesen, aber kein Deutsch können. Also, immerhin keine neue Stadt von Zuwanderern von der Größe Frankfurts wie 2015 und 2016 pro Jahr, aber weiterhin jedes Jahr eine neue Stadt von der Größe der Stadt Mainz, immerhin die Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Und das soll uns die Absturz-Panik nehmen?

          Eigentlich müsste allen klar sein: Die neue Regierung der ehemals großen Parteien leitet mehr Wasser auf die Mühlen der populistischen Parteien am rechten und linken Rand. Aber alle sind zu schwach, um das Ruder herumzureißen und das Land für die Zukunft zu rüsten. Was bleibt da noch außer Verzweiflung? Bude sagt: das Lachen. Der mittelalterliche Mensch empfand das Lachen als Sieg über die Angst. In der Hölle des Karnevals verliert die Gewalt ihren Schrecken. Auf in die Hölle: Kölle Alaaf!

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