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Mayers Weltwirtschaft : Der Fehler der Professoren

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die aktuelle Geldpolitik führt ins Unglück. Schuld daran sind auch viele Wissenschaftler, die die Notenbanken in ihrem Tun noch bestärken.

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          Kürzlich besuchte ich eine Konferenz, bei der eine Forschungsarbeit zu den Wirkungen der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken zur Diskussion stand. Die Autoren analysierten die Entwicklung anhand des in der Wissenschaft zum Standard avancierten neokeynesianischen Modells. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Maßnahmen erfolgreich gewesen waren. Das eher bescheidene Wirtschaftswachstum und die hartnäckig niedrige Inflation seien darauf zurückzuführen, dass die Dosierung zu gering gewesen sei. Ihr Rat war folglich: noch tiefere negative Zinsen und noch mehr Wertpapierkäufe durch die Zentralbanken. Ich sollte die Arbeit kommentieren. Meine spontane Reaktion war: Was, wenn die Theorie falsch ist, auf der Diagnose und Therapie beruhen?

          Die herrschende Lehre wird nicht in Frage gestellt

          In akademischen Kreisen wird es nicht gerne gesehen, wenn man die herrschende Lehre in Frage stellt. Schließlich wurde diese in akribischer Kleinarbeit und endloser Diskussion gefestigt. In der Entwicklung und Festigung wurden akademische Weihen erworben und Karrieren gemacht. Daher ist man verständlicherweise nicht bereit, leichtfertig von der herrschenden Lehre abzugehen. Andererseits besteht aber die Gefahr, dass man diese mit Zähnen und Klauen verteidigt, auch wenn neuere Erfahrungen sie in Frage stellen. Genau dies passierte mit dem neokeynesianischen Modell in der Kreditkrise: Da Kredit dort keine Rolle spielt, ließ es seine Anhänger die Gefahren der Kreditausweitung übersehen und half nicht bei der Erklärung der Krisenursachen. Nach diesem Misserfolg erwartete ich, dass man nun die herrschende Lehre in Frage stellen würde. Weit gefehlt! Man stützte sich bei der Bewältigung der Krisenfolgen auf die gleiche Lehre, mit der man die Krise nicht hatte kommen sehen. Der Physiker Max Planck hätte mir das gleich sagen können: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben.“

          Die akademische Vorgehensweise ist diametral der Denkweise entgegengesetzt, die ich in mehr als zwei Jahrzehnten im Finanzbereich kennengelernt habe. Jeder Akteur im Finanzmarkt wird laufend mit seinen Irrtümern konfrontiert. Weil es unmöglich ist, sich nicht zu irren, geht es darum, wie man mit seinen Irrtümern umgeht. Das Erfolgsrezept ist, sich so zu positionieren, dass die Verluste irrtümlicher Entscheidungen klein und die Gewinne richtiger Entscheidungen groß sind. In die Katastrophe führt, an einer Entscheidung festzuhalten, obwohl sie den erwarteten Gewinn vermissen lässt, und den Einsatz zu erhöhen, um ihn herbeizuzwingen. Auf diese Weise haben Händler ganze Banken in den Ruin getrieben. Die Geldpolitik hat sich weitgehend der im akademischen Bereich vorherrschenden Lehre und Vorgehensweise verschrieben. Auch nach der Krise hat sie an der neokeynesianischen Lehre festgehalten und aus den unbefriedigenden Wirkungen ihrer Anwendung auf Wachstum und Inflation geschlossen, dass die Dosis erhöht werden muss. Die Folgen davon waren tiefere Zinsen und größere Bilanzsummen der Zentralbanken. Inzwischen können es sich die Verantwortlichen gar nicht mehr leisten, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie irren. Der Ansehensverlust wäre zu groß. Also halten sie lieber durch bis zum erhofften Gewinn oder, was mir wahrscheinlicher scheint, bis zum bitteren Ende.

          Pleiten schaden der Reputation nicht

          Wie die akademische Lehre ist auch die akademische Reputation gegen praktische Misserfolge gefeit. Die Nobelpreisträger Robert C. Merton und Myron Scholes zogen in den 1990er Jahren in das Direktorium des Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM) ein. Die Umsetzung von Finanztheorien in Investitionsentscheidungen, für die Merton und Scholes ihre Preise bekommen hatten, führte im September 1998 zur spektakulären Pleite dieses Fonds. Die Auswirkungen auf den Finanzmarkt waren so groß, dass Amerikas Notenbank Fed im vierten Quartal 1998 ihren Leitzins um 0,5 Prozentpunkte senkte. Merton und Scholes verloren zwar viel Geld, nicht aber ihre akademische Anerkennung. Nach der Pleite von LTCM kehrte Merton an die Harvard-Universität, seine Alma Mater, zurück. Dort erhielt er im April 1999 die Auszeichnung für Lebensleistungen im Bereich der mathematischen Finanztheorie, deren Anwendung LTCM versenkt hatte. Scholes wurde wegen Steuerhinterziehung bei der LTCM-Pleite bestraft. Aber dank seiner akademischen Reputation fand er wieder Beschäftigung im Finanzsektor. Die Fed-Chefin, Professorin Janet Yellen, braucht wohl das Scheitern ihrer Geldpolitik nicht zu fürchten. Dr. Mario Draghi ist da weniger akademisch geschützt.

           

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