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Mayers Weltwirtschaft : Deflationsangst

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Gefahr sinkender Preise ist klein. Aber wehe, wenn der Euro erstarkt. Dann droht eine neue Rezession in Europa, die die Preise drücken könnte.

          Und wieder geht das Gespenst der Deflation um in Europa. Auslöser ist der Fall der Konsumentenpreise weit unter den Zielwert der EZB, der unter, aber nahe bei zwei Prozent liegt. Einige Akteure auf den Finanzmärkten erwarten, dass die EZB deshalb bald im großen Stil Anleihen aufkauft, um Geld in die Wirtschaft zu pumpen.

          Die Gespensterseher übersehen, dass der Rückgang des Konsumentenpreisindex innerhalb der Eurozone recht unterschiedlich ist. Im Januar reichten die Inflationsraten zum Vorjahr von 1,9 Prozent in Finnland über 1,2 Prozent in Deutschland bis zu -1,4 Prozent in Griechenland. Ein wesentlicher Grund für die niedrigen oder negativen Raten sind Kosten und Preissenkungen in den Krisenländern zur Wiederherstellung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Für Griechenland, Irland, Portugal und Spanien, also Länder, die Anpassungsprogramme hatten oder haben, betrug die durchschnittliche Inflationsrate im Januar null Prozent. Dadurch erzielen diese Länder die Abwertung ihres sogenannten „inneren Wechselkurses“ gegenüber anderen Ländern. Die Konsumentenpreisinflation in der gesamten Eurozone würde nur dann nicht fallen, wenn in diesen anderen Ländern zum Ausgleich die Inflationsrate kräftig steigen würde. Dagegen scheinen sich die Vertreter dieser Länder im Rat zu wehren.

          EZB sollte nicht auf einen höheren Ölpreis reagieren

          In der Vergangenheit hat die EZB immer wieder betont, dass sie auf Veränderungen des Preisniveaus, die durch die Veränderung relativer Preise verursacht sind, nicht mit geldpolitischen Maßnahmen reagieren würde. Preiseffekte „der ersten Runde“ waren hinzunehmen. So war es zum Beispiel nicht angebracht, auf den Anstieg des Konsumentenpreisindex zu reagieren, der durch eine Erhöhung der Ölpreise verursacht wurde. Erst wenn sich die Effekte der ersten Runde aufschaukelten und zu Effekten einer zweiten und dritten Runde zu führen drohten, war eine Reaktion der Geldpolitik gefragt.

          Entsprechend wäre eine weitere Lockerung der Geldpolitik jetzt notwendig, wenn die Absenkung des gemeinsamen Preisniveaus aufgrund der inneren Abwertung einiger Länder zu einer Spirale fallender Preise führen würde. Eine solche Spirale ist gegenwärtig aber nicht zu sehen. In Deutschland kann von deflationären Risiken keine Rede sein, und auch in anderen Ländern außerhalb Südeuropas sind deflationäre Spiralen nicht zu erkennen. Folglich erwartet der EZB-Stab in seinen jüngsten, bis Ende 2016 reichenden Prognosen einen Anstieg der gegenwärtigen Inflationsrate in die Nähe des Zielwerts der EZB.

          Es wäre jedoch vermessen, die Möglichkeit einer gefährlichen deflationären Entwicklung in der Zukunft ganz auszuschließen. Insbesondere könnte eine scharfe Aufwertung des Euro die zaghafte Erholung der Wirtschaft des Euroraums abwürgen. Ein Rückfall in die Rezession wäre besonders für die Krisenländer sehr schmerzhaft und könnte letzten Endes dort eine deflationäre Entwicklung der Preise einleiten. Bei fallenden Preisen würde der reale Wert der jetzt schon erdrückenden Schuldenlast weiter steigen. Auf den ersten Blick scheint eine solche Aufwertung des Euro unwahrscheinlich. Im Gegenteil, man sollte erwarten, dass ein langsames Anziehen der geldpolitischen Zügel durch die amerikanische Notenbank Fed den Euro zum Dollar abwertet.

          Internationales Kapital fließt in den Euroraum und stärkt den Euro

          Doch haben die vergangenen Wochen gezeigt, dass die leichte Änderung der amerikanischen Geldpolitik einen stärkenden Einfluss auf den Wechselkurs des Euro hat. Dies liegt daran, dass die weniger expansive Geldpolitik der Fed zu einer neuen Einschätzung der Risiken in den Schwellenländern geführt hat, die sich zur Abwehr einer Aufwertung ihrer Währungen an die amerikanische Geldpolitik angehängt hatten. Internationales Kapital, das nun aus den Schwellenländern abgezogen wird, wird jedoch nicht in den Vereinigten Staaten angelegt, sondern fließt in die Peripherieländer der Eurozone, wo höhere Renditen winken.

          Das Risiko erscheint den Anlegern dabei sehr gering, hat doch EZB Präsident Draghi versprochen, alles zu tun, um den Euro zu bewahren. Auch scheint den Regierungen nach den Erfahrungen mit Griechenland jede Lust an weiteren Umschuldungen von Staaten, die den privaten Sektor belasten würden, vergangen zu sein. Die Investoren im Euroland setzen nun wieder auf Zinskonvergenz. Schließen sich ausländische Investoren der Party an und überweisen ihr Kapital ins Euroland, steigt die Nachfrage nach Euro. Wenn aber Kapital in den Euroraum drängt, dann verstärkt dies den Druck zur Aufwertung des Euro.

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