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Mayers Weltwirtschaft : Das Spar-Paradox

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Geht es den Ländern Südeuropas umso schlechter, je mehr sie sparen?

          Viele angelsächsische Ökonomen kritisieren die in den europäischen Krisenländern verfolgte „Politik der Austerität“ als kontraproduktiv. Kennen denn die für diese Politik Verantwortlichen nicht das „Paradox der Sparsamkeit“, fragen sie genervt. Jeder Anfänger in der Volkswirtschaftslehre bekommt doch beigebracht, dass individuelle Sparsamkeit zwar zu höherem Wohlstand führen kann, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit das Bruttoinlandsprodukt aber abstürzen, wenn sich alle gemeinsam entschließen, mehr zu sparen.

          Der Effekt tritt nur ein, wenn Löhne und Preise starr sind

          Und wenn die Verantwortlichen schon von Ökonomie keine Ahnung haben, dann sollten sie doch aus der Entwicklung in den Krisenländern gelernt haben, dass man sich aus der Krise nicht heraussparen kann. Die oft recht lautstarken Vertreter des Paradoxes der Sparsamkeit verschweigen aber, dass die beschriebenen Effekte nur eintreten, wenn Löhne und Preise starr und die Wirtschaft unflexibel ist. Ist dies nicht der Fall, so führt eine höhere Ersparnis in der Regel zu höherem Wachstum in der Zukunft.

          Schauen wir uns den Fall eines Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis zunächst in einer Wirtschaft an, die flexibel ist und in der internationaler Handel keine große Rolle spielt. Steigt die Ersparnis, werden weniger Konsumgüter nachgefragt und dort beschäftigte Arbeitnehmer und vielseitig verwendbare Kapitalgüter freigesetzt. Außerdem drückt das höhere Angebot an Sparkapital den Zins. Der niedrigere Zins stimuliert Investitionen in den Industrien, die Zwischenprodukte, Kapitalgüter und Rohmaterialien herstellen. Die steigende Nachfrage nach Kapital und Arbeit in diesen Industrien wird durch das erhöhte Angebot an Sparkapital und die aus der Konsumgüterproduktion freigesetzten Arbeitskräfte befriedigt.

          Die Struktur der Wirtschaft hat sich nun zugunsten einer erhöhten Produktion von Gütern verändert, mit denen in der Zukunft mehr Konsumgüter produziert werden können - man könnte auch sagen, die Produktion ist kapitalintensiver geworden, so dass die Arbeitsproduktivität in Zukunft steigen kann. Zunächst wird aber das BIP wegen des niedrigeren Konsums sinken, da dieses Maß nur fertige Güter berücksichtigt und noch in der Produktion befindliche Kapitalgüter und Zwischenprodukte ausklammert. Sind die zusätzlichen Kapitalgüter jedoch fertig und werden zur Produktion zusätzlicher Konsumgüter verwendet, steigt das Bruttoinlandsprodukt über das Maß hinaus, das es ohne den Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis erreicht hätte. Auf längere Sicht steigen also Einkommen und Kaufkraft der Haushalte, wenn mehr gespart wird. Die Betrachtung ändert sich nicht grundsätzlich, wenn wir zulassen, dass in einer nach außen offenen Wirtschaft die zusätzliche Ersparnis exportiert wird und später als Kapitaleinkommen aus den Auslandsinvestitionen den Inländern wieder zugutekommt.

          Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn wir annehmen, dass Preise und Löhne rigide und die Arbeitnehmer immobil sind. Dann verringert der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis die Nachfrage nach Konsumgütern, ohne dass die aus der Konsumgüterproduktion freigesetzte Arbeitskraft in anderen Bereichen Arbeit findet. Die durch die erhöhte Ersparnis angestoßene Zinssenkung regt zwar die Investitionsnachfrage in anderen Sektoren an, doch kann diese mangels freier Ressourcen nicht befriedigt werden. Trotz gestiegener Arbeitslosigkeit und gesunkener Konsumnachfrage steigen Löhne und Preise für Kapitalgüter. Das BIP sinkt ohne Aussicht auf späteren Anstieg, während Löhne und Preise nach oben gedrückt werden.

          Während der kreditfinanzierten Expansion im ersten Jahrzehnt des Euro sind in vielen Euroländern die konsumnahen Bereiche der Wirtschaft besonders schnell gewachsen. Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis ging zurück und reichte oft nicht mehr aus, die Investitionen zu finanzieren, so dass Kapital importiert werden musste und hohe Leistungsbilanzdefizite aufgebaut wurden. Nach dem Platzen der Kreditblase herrscht dort ein Mangel - und kein Überschuss - an Ersparnissen zur Finanzierung staatlicher und privater Defizite.

          Um wieder auf die Beine zu kommen, müssen diese Länder ihre Ersparnis erhöhen, das bedeutet in vielen Fällen, dass der Staat mehr sparen muss. Die Vertreter des Paradoxes der Sparsamkeit haben insofern recht, als in diesem Fall eine höhere Ersparnis ohne die Möglichkeit der Umlenkung der in der Konsumgüterproduktion freigesetzten Ressourcen in die Produktion konsumferner Güter die Wirtschaftsaktivität nachhaltig sinkt. Schuld ist jedoch nicht der Anstieg der Ersparnis, sondern sind die Rigiditäten in der Wirtschaft, die eine Neubeschäftigung freier Ressourcen verhindern. Deshalb muss sowohl die Ersparnis als auch die wirtschaftliche Flexibilität in den Krisenländern erhöht werden.

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