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Mayers Weltwirtschaft : Das große Zaudern

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Alle fragen sich, wann Amerikas Notenbank Fed wohl die Zinsen erhöhen wird. Doch sie steckt in einer Falle, aus der es kein Entrinnen gibt.

          Wird sie einen weiteren Zinsschritt wagen, oder wird sie wieder einmal davor zurückschrecken? Das ist die Frage, über die sich die Märkte im Vorfeld des nächsten Treffens des Offenmarktkomitees der amerikanischen Notenbank Federal Reserve am 20.September den Kopf zerbrechen. So geht das nun schon seit zwei Jahren. Die mächtige Fed ist zur großen Zauderin geworden. Grund dafür ist, dass sie zwischen den Signalen aus der Wirtschaft und den Signalen von den Märkten hin- und hergerissen wird. Wie konnte es bloß dazu kommen?

          In einer Vorlesung aus dem Jahr 1936 hat Friedrich August von Hayek den Gleichgewichtszustand einer Wirtschaft definiert. Die Wirtschaft befindet sich im Gleichgewicht, wenn „die Voraussicht der verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft in einem speziellen Sinn richtig ist. Sie muss in dem Sinn richtig sein, dass der Plan jeder Person sich auf die Erwartungen gerade jener Handlungen anderer Leute gründet, die diese anderen Leute vorzunehmen beabsichtigen, und dass sich alle diese Pläne auf die Erwartung derselben äußeren Umstände gründen, so dass unter bestimmten Bedingungen niemand Grund haben wird, seine Pläne zu ändern.“ Mit anderen Worten: Die verschiedenen Pläne, welche Individuen für die Handlungen der Zukunft gemacht haben, müssen miteinander und dem Umfeld verträglich sein.

          Pläne werden revidiert, wenn sich die wirtschaftlichen Umstände oder die individuelle Interpretation dieser Umstände ändern, also „falsch“ geplant wurde. Da sich die Umstände ständig ändern und oft Fehler gemacht werden, ist das dynamische Ungleichgewicht der Normalzustand der Wirtschaft. Das Gleichgewicht ist eine seltene Ausnahme unter unendlich vielen anderen Zuständen.

          Die meisten Ökonomen blenden den Normalzustand des dynamischen Ungleichgewichts aus ihren Überlegungen aus und konzentrieren sich auf Ausnahmen in Form von zwei Gleichgewichtszuständen: das Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung und das bei Unterbeschäftigung. Sie sehen es als Aufgabe der Zentralbanken an, das Erstere anzustreben und das Letztere zu bekämpfen. Mein Kollege Tobias Schafföner unterscheidet zwischen zwei Typen der aktiven Zentralbanken. Die wirtschaftspolitische und die finanzmarktabhängige Zentralbank.

          Die wirtschaftspolitische Zentralbank versucht, durch Minimierung der Unterauslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazität mit dem Instrument der Zinspolitik ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht herbeizuführen, an dem vermeintlich „Preisstabilität“ herrscht. Das Problem dabei ist, dass es unmöglich ist, zu bestimmen, wie durch die Zinspolitik der Zentralbank die Pläne der Wirtschaftsakteure beeinflusst werden. Weder sind ihr deren Pläne bekannt, noch kennt sie die Reaktion der Akteure auf ihre Maßnahmen, deren Pläne sie verändern will. So kommt es, dass die wirtschaftspolitische Zentralbank auf von ihr beobachtete Änderungen der wirtschaftlichen Umstände reagiert, aber von Änderungen im Handeln der Wirtschaftssubjekte überrascht wird, die wiederum die Umstände verändern. Das Vollbeschäftigungsgleichgewicht erweist sich als unerreichbar.

          Nun versucht die Zentralbank, sowohl die wirtschaftlichen Umstände als auch die Pläne der Wirtschaftssubjekte so zu ändern, dass die verschiedenen Pläne, welche Individuen für die Handlungen der Zukunft gemacht haben, so miteinander verträglich werden, dass ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht erreicht wird. Es entsteht die finanzmarktabhängige Zentralbank. Im Lauf der vergangenen zwei Jahre hat die Federal Reserve diesen Wandel vollzogen, indem sie stärker Veränderungen von Preisen auf den Finanzmärkten, in denen sich Planänderungen der Wirtschaftssubjekte widerspiegeln, in ihre Politikentscheidungen einbezogen hat. Doch erweist sich diese Art der Entscheidungsfindung als ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Veränderung der Umstände ändert die Pläne, und die Änderung der Pläne ändert die Umstände. George Soros hat dieses Phänomen „Reflexivität“ genannt.

          Die Politik der Zentralbank dreht sich dadurch im Kreis: Will sie die Umstände verändern, um ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht herbeizuführen, ändern sich die Pläne, die wiederum die Umstände verändern, so dass eine neue Maßnahme zur Veränderung der Umstände notwendig wird, die wiederum die Pläne ändert, und so weiter. Man fragt sich, wie sich die einflussreichste Zentralbank der Welt in ihrem Geschäft derartig verheddern konnte. Kürzlich sagte mir ein britischer Wirtschaftshistoriker, er habe einen jener Großökonomen, auf die amerikanische Zentralbanker hören, gefragt, ob er Hayek gelesen habe. Die Antwort war: „Nein, warum?“

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