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Mayers Weltwirtschaft : Das Absturzrisiko

  • -Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Der Weltwirtschaft stehen schwierige Zeiten bevor. Schuld daran ist die Verweigerungshaltung unserer Politiker.

          Seit 2008, dem Jahr der Finanzkrise, ist das globale Bruttoinlandsprodukt in realen Größen gerechnet gerade mal um 3,25 Prozent pro Jahr gewachsen. In den Jahren davor (von 2000 bis 2007) waren es 4,5 Prozent. Trotz der bis zur Verzweiflung reichenden Versuche der Zentralbanken, die Nachfrage zu stärken, ist das Wachstum schwach geblieben. Das hat resignativen Theorien Aufwind gegeben, die besagen, dass wir uns in einer „säkularen Stagnation“ befänden. Ähnlich düstere Einschätzungen hatten auch nach der Großen Depression in den 1930er Jahren Hochkonjunktur. Nun geht die Furcht um, dass nach dem Tiefflug der Weltwirtschaft der Absturz kommt. Der Ruf nach einer expansiven Fiskalpolitik wird daher wieder laut. Warum, so wird gefragt, soll sich der Staat nicht ordentlich verschulden, um die Wirtschaft auf Trab zu bringen, wenn es ihn doch keine Zinsen kostet?

          Die Therapie der Wachstumsschwäche durch die Geld- und Fiskalpolitik stützt sich auf die Diagnose, dass ein Mangel an Nachfrage Ursache der Misere ist. Diese Diagnose war schon in den 30er Jahren falsch und wurde in der Nachkriegszeit eindrucksvoll widerlegt. Sie dürfte auch heute wieder falsch sein. Ich denke, der wahre Grund für die Wachstumsschwäche ist ein unbewältigter Strukturwandel. Die Notwendigkeit zu strukturellen Veränderungen ergibt sich aus dem Abschwung des Kreditzyklus und dem Aufkommen vernetzter Produkte und Produktionstechniken.

          Konservierung überkommener Strukturen

          Im Aufschwung des Kreditzyklus wurden viele Ressourcen in wenig produktive Verwendungen im Immobilien- und Finanzsektor gelenkt. Auch der Rohstoffsektor profitierte vom billigen und reichlich verfügbaren Kredit. Nach dem Platzen der Kreditblase erwiesen sich diese Verwendungen als langfristig unrentabel und hätten eigentlich aufgegeben werden sollen. Doch da die Politik den damit verbundenen Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität scheute, verhinderte sie mit allen Mitteln die „schöpferische Zerstörung“ obsoleter Kapazitäten. Eine tiefere Rezession wurde abgewehrt, aber um den Preis eines von nun an geringeren Wachstums. Insbesondere die Zentralbanken der großen Industrieländer trugen mit ihrer Niedrigzinspolitik zur Konservierung überkommener Strukturen bei. Aber auch die chinesische Regierung ist zuletzt zum Strukturkonservatismus zurückgekehrt. Nun hält sie langfristig unrentable Unternehmen mit billigen Krediten über Wasser.

          Der zweite Grund für den unbewältigten Strukturwandel ist das Aufkommen vernetzter Produkte und Produktionstechniken, bekannt als „Internet der Dinge“ und „Industrie 4.0“. Durch die technischen Neuerungen droht bestehenden Produkten und Produktionstechniken die Obsoleszenz. Doch ist noch unklar, wie die neuen Produkte und Produktionstechniken aussehen werden. In welchem Umfang wird das Autofahren automatisiert werden? Nach welchen Standards werden die Maschinen im vernetzten Unternehmen miteinander kommunizieren? Klar ist, dass Automatisierung und Vernetzung kommen werden, nur noch nicht, wie und wann dies geschehen wird. Solange die offenen Fragen nicht geklärt sind, ist es verständlich, wenn sich Investoren mit der Neuanschaffung von Kapitalgütern zurückhalten. Dies könnte sowohl die gegenwärtige Schwäche der Investitionen als auch die Stärke der Beschäftigung erklären. Erst wenn die neuen Technologien einsatzbereit sind, wird es sich lohnen, teure Arbeit wieder durch billige Maschinen zu ersetzen. Bis dahin ergibt das Gegenteil Sinn.

          Hürden für Industrie 4.0 beseitigen und Strukturwandel zulassen

          Die Wirtschaftspolitik kann zwei Dinge tun, um den Strukturwandel zu beschleunigen. Einerseits kann sie durch Festlegung der rechtlichen Rahmenbedingungen für die vernetzte Wirtschaft die administrativen Hürden für das „Internet der Dinge“ und die „Industrie 4.0“ beseitigen. Den Rest muss der Privatsektor bewältigen. Andererseits kann sie durch die Beendigung der Zinsmanipulation den im Kreditabschwung notwendig gewordenen Strukturwandel zulassen.

          Aber auch wenn die Politik das Richtige täte, würde sich die Wirtschaft nicht wie Phoenix aus der Asche erheben. Zunächst entstünde noch mehr Asche durch die Verbrennung obsoleter Kapazitäten. Das wäre schmerzhaft und einer auf kurzfristige Erfolge erpichten Politik kaum zuträglich. Deshalb ist zu befürchten, dass die Politik in der Absicht, die Nachfrage zu stärken, den notwendigen Strukturwandel weiterhin mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften unterdrücken wird. Doch die Kräfte lassen nach. Wird die Politik schließlich vom aufgestauten Druck zum Strukturwandel bezwungen, dürfte die Bereinigungskrise schmerzhaft ausfallen. Für Anleger heißt das, sich auf turbulente Zeiten an den Kapitalmärkten einzustellen.

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