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Mayers Weltwirtschaft : Kampf der Weltmächte

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Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Der Aufstieg Chinas macht Amerika Angst. Wir Europäer schauen einfach nur zu.

          Vielleicht die Hälfte der Amerikaner und beinahe jeder Deutsche, so scheint es, hält sich für klüger als Amerikas Präsident Donald Trump. Diesem wird nachgesagt, er sei unbelesen, impulsiv und habe die Aufmerksamkeitsspanne eines Kindes. Kann es aber nicht sein, dass Trump intuitiv besser versteht, um was es bei der Auseinandersetzung mit China geht? Im Vordergrund stehen Chinas Exporterfolge, die Trump dem Land anscheinend neidet und mit Zöllen bekämpfen will. Dahinter verbirgt sich aber sehr viel mehr: China ist dabei, Amerika von der Spitze zu verdrängen.

          Nach dem Zerfall der Sowjetunion schienen die Vereinigten Staaten die Hegemonialmacht der Welt geworden zu sein. Dies veranlasste den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama im Jahr 1989 das „Ende der Geschichte“ auszurufen. Damals hatte Amerikas Wirtschaft laut Internationalem Währungsfonds einen Anteil von 22 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Welt. Keine andere Nation konnte mithalten: Die deutsche Wirtschaft machte sechs Prozent, die chinesische vier Prozent des Welt-BIP aus. Doch die Geschichte ging weiter und brachte den spektakulären wirtschaftlichen Aufstieg Chinas. Heute beträgt der Anteil Chinas am Welt-BIP 18 Prozent, deutlich vor den Vereinigten Staaten mit 15 Prozent. Die deutsche Wirtschaft, die 1990 noch um die Hälfte größer war als die chinesische, kommt heute auf nur noch 3 Prozent Anteil am Welt-BIP und macht ein Sechstel der chinesischen Wirtschaft aus. Diese gewaltige Verschiebung wirtschaftlicher Macht hat weitreichende geopolitische Folgen – und das nicht zum ersten Mal in der Geschichte.

          „Es war der Aufstieg Athens und die Furcht, die das in Sparta auslöste, was Krieg unvermeidlich machte“, schrieb der griechische Historiker Thukydides im vierten Jahrhundert vor Christus in seiner Geschichte des Peleponnesischen Kriegs. Der Aufstieg Athens bedrohten die Interessen der Großmacht Sparta. Die Furcht der Großmacht vor dem Statusverlust und die Selbstüberschätzung des Aufsteigers führten dann zum Krieg.

          Die Thukydides-Falle

          Der Politikwissenschaftler Graham Allison nennt diese Konstellation „Thukydides-Falle“ und hat herausgefunden, dass sie in 12 von 16 Fällen im Verlauf der vergangenen fünf Jahrhunderte zu Kriegen führte. Für das deutsche Publikum von besonderem Interesse ist seine Beschreibung der Rivalität der aufsteigenden europäischen Landmacht Deutschland mit der globalen Seemacht England um das Jahr 1900. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 schickte sich Deutschland an, England sowohl an der Zahl seiner Bevölkerung als auch der Größe seiner Wirtschaft zu überholen. Die Ambitionen Wilhelms II., Deutschland zur Kolonial- und Seemacht zu machen, stellten für England eine ähnliche Herausforderung dar wie der Aufstieg Athens für Sparta.

          England nahm Partei für Frankreich und Russland, um Deutschland einzuhegen, während sich dieses mit Österreich-Ungarn verband. Doch die Absprachen und Pakte schufen ein für die Teilnehmer fatales System, das nach dem Mord an dem österreichischen Thronfolger im Jahr 1914 wie in einer Kettenreaktion zum Krieg führte.

          Vermutlich hat Donald Trump weder die Geschichte des Peleponnesischen Kriegs gelesen noch von Allisons Konzept der Thukydides-Falle gehört, aber seine Handlungen entsprechen dem Muster des Führers einer Großmacht, deren Stellung von einer aufsteigenden Macht bedroht wird. Sein Schlachtruf „Make America Great Again“ kann man als Antwort auf den Anspruch der chinesischen Staatsführung unter Xi Jinping sehen, China zur größten Wirtschafts- und Militärmacht der Welt zu machen. Wie Deutschland im Jahr 1913 England als Wirtschaftsmacht überholte, schob sich China 2016 vor die Vereinigten Staaten. Und wie Wilhelm II. England als Militärmacht herausforderte, verfolgt China nun das Ziel, eine Armee der „Weltklasse“ zu schaffen.

          Wenn zwei sich streiten, hilft es, wenn sich ein gewichtiger Dritter um Ausgleich bemüht. Diese Rolle könnte im Prinzip die Europäische Union spielen. Immerhin liegt sie mit rund 16 Prozent Anteil am Welt-BIP nur knapp hinter China und noch vor Amerika. Aber wenn sie auch wirtschaftlich ein Riese ist, so ist die EU politisch doch ein Zwerg. Streit über die marode Währungsunion und den Umgang mit der Immigration legen sie politisch lahm. Und was ist mit Deutschland, der noch viertgrößten Wirtschaftsnation der Welt? Der politische Wertekanon, der aus der Studentenrevolte der 1968er Jahre hervorgegangen ist und sich unter der Ägide Angela Merkels zum Maß aller Dinge entwickelt hat, ist passé und für die harte Realpolitik unserer Zeit untauglich.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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