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Mayers Weltwirtschaft : Catch 22

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Warum Amerikas Notenbank die Geldpolitik nicht so leicht straffen kann.

          3 Min.

          Seit sogar die Tauben im „Federal Open Market Committee“ der amerikanischen Notenbank Fed anklingen lassen, dass der Kauf von Staats- und Hypothekenanleihen im Wert von 85 Milliarden Dollar pro Monat im Laufe dieses Jahres verringert werden könnte, sind die Finanzmärkte nervös geworden. Im Mai fielen die amerikanischen Staatsanleihen um 1,9 Prozent im Wert. Schlimmer erwischte es Anlageklassen, die als riskant gelten: Aktien und Anleihen aus Schwellenländern brachen um 2,6 beziehungsweise 5,0 Prozent ein. Nur die etablierten Aktienmärkte zeigten sich noch einigermaßen gefasst. Der amerikanische Index S&P 500 stieg im Mai um 2,3 Prozent, der Dax sogar um 5,5 Prozent.

          Roman von Joseph Heller

          Die Entwicklung auf den Finanzmärkten weist auf ein Dilemma der Fed hin, das als „Catch 22“ nach einem Roman von Joseph Heller aus dem Jahre 1961 in die Literatur einging: Aus dem Krieg kann nur entlassen werden, wer dies mit der Begründung verlangt, geisteskrank zu sein. Wer aber entlassen werden will, kann nicht geisteskrank sein. Entsprechend sollte die Erholung der Wirtschaft eigentlich zum Ausstieg aus der Politik der quantitativen Lockerung führen. Doch könnte der Ausstieg aus der Politik des leichten Geldes den amerikanischen Aktienmarkt einbrechen lassen und die Wirtschaft in eine abermalige Rezession stürzen. Wie im Roman der „Catch 22“ die Unlogik des Krieges illustriert, deckt das Dilemma der Fed die Unfähigkeit der Geldpolitik auf, die Wirtschaft nachhaltig zu stabilisieren und für stetiges Wachstum zu sorgen.

          Das sollte eigentlich nicht überraschen. Schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat Ludwig von Mises auf die Unmöglichkeit einer gültigen Wirtschaftsrechnung im Sozialismus verwiesen. Da es keine freie Preisbildung im Markt gibt, fehlt dem Planer die Information, auf die er seine Rechnung bauen könnte. Nach von Mises ist das Paradox der Planung, dass wegen der Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung in der Planwirtschaft nicht geplant werden kann. Der spanische Ökonom Jesus Huerta de Soto hat Mises’ Theorem der Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus auf die heutige Geldordnung und -politik übertragen. Da die Zentralbank über die Geschäftsbanken den Marktzins steuert, übt sie einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklungen der Finanzmärkte und Wirtschaft aus, von denen sie wiederum ihre Zinspolitik ableiten will. Da diese Informationen wenig unabhängigen Gehalt haben, gilt auch für die Zentralbank das Paradox des zentralen Planers, sie findet sich in der Situation des Catch 22.

          Die Fed beeinflusst die Welt

          Nun ist die Federal Reserve nicht irgendeine Zentralbank auf der Welt. Angesichts der Größe der amerikanischen Wirtschaft und ihrer Finanzmärkte ist sie mit Abstand die wichtigste globale Zentralbank, die mit ihrer Politik nicht nur die Finanzmärkte und Wirtschaft in Amerika, sondern die der ganzen Welt beeinflusst. Mit dem Rückgang der Kreditgewährung durch die Geschäftsbanken und Kapitalmärkte nach der Lehman-Pleite und der Ausweitung ihrer Aktivitäten und Bilanz hat die nationale und globale Bedeutung der Fed weiter zugenommen. Ohne viel Übertreibung kann man sagen, dass wir heute in einer von den Zentralbanken gesteuerten globalen Geldwirtschaft leben, in der die Fed die erste Geige spielt. Deshalb wird die Art, wie sich die Fed aus ihrem „Catch 22“ befreien wird, für uns alle Folgen haben.

          Natürlich hoffen die Verantwortlichen darauf, dass sie mit ihrer Politik den Aufschwung befördern und dabei gleichzeitig die Finanz- und Preisstabilität stützen können. Angesichts der Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung in der Planwirtschaft kommt dies jedoch der Hoffnung eines Schützen gleich, mit verbundenen Augen ins Schwarze der Zielscheibe zu treffen.

          Die Erfahrungen der Vergangenheit weisen darauf hin, dass die Fed im Zweifel der Stabilisierung der Realwirtschaft Vorrang einräumt, solange die Inflation noch nicht galoppiert. Deshalb wird sie wohl ihre Politik des leichten Geldes nur in einem Maße zügeln, das eine Entwicklung auf den Finanzmärkten möglich macht, die keine unmittelbare Bedrohung für das Wirtschaftswachstum darstellt. Damit aber sind ihr die Hände gebunden, wenn die Inflationsrisiken steigen.

          Kann die Fed auf einen Anstieg der Inflationserwartungen aus Sorge um die Folgen eines Krachs auf den Finanzmärkten für die Realwirtschaft nicht mit einer deutlich restriktiveren Geldpolitik reagieren, wird das Vertrauen in die Stabilität des von ihr emittierten Geldes schwinden. Wie gegen Ende der siebziger Jahre könnte ein Verlust des Vertrauens in den Dollar zu einem Vertrauensverlust in unser gesamtes System des von Zentralbanken aus dem Nichts geschaffenen Geldes führen. Aus der Finanzkrise würde dann eine globale Geldkrise.

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