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Mayers Weltwirtschaft : Der Brexit ist eine Chance

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Die Briten sollten keine Angst haben: Ein Leben ohne die EU ist nicht nur möglich. Sondern auch wünschenswert.

          Kein Tag vergeht, an dem nicht ein neuer Bericht oder eine neue Analyse zum Brexit in mein E-Mail-Postfach flattert. So ziemlich alle Analysen drehen sich um die Frage, ob es am 29. März 2019 einen „harten“ oder „weichen“ Brexit geben wird. In den Analysen geht es oft um das Chaos, das ein harter Brexit angeblich auslösen würde: vom Ende des Flugverkehrs zwischen der Insel und dem Kontinent bis hin zu Lkw-Schlangen von Dover bis London.

          Dabei dürften doch zwei Dinge klar sein: Was immer die Verhandlungen bringen werden, am Ende wird die Politik auf beiden Seiten des Kanals alles tun, um ein Chaos zu vermeiden. Und es wird sehr viel mehr darauf ankommen, was die britische Politik nach dem Brexit machen wird, als darauf, welche Form dieser haben wird. Zeitweilige Verwerfungen sind gut möglich. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Briten ein Leben auch außerhalb der Europäischen Union meistern werden.

          Zunächst muss ich aber etwas Wasser in den Wein gießen. Die durch das Brexit-Votum im Juni 2016 geschaffene Unsicherheit hat zwar keine Rezession ausgelöst, aber sie hat doch deutliche Spuren hinterlassen. Seit dem zweiten Quartal 2016 ist die britische Wirtschaft nur um drei Prozent gewachsen. In der Eurozone stieg das reale Bruttoinlandsprodukt bis zum zweiten Quartal dieses Jahres dagegen um fünf Prozent, in Deutschland um vier Prozent. Ein Grund für das schwache britische Wachstum waren mangelnde Investitionen. In Großbritannien stiegen diese nur um drei Prozent, in der Eurozone und Deutschland dagegen um sechs beziehungsweise sieben Prozent. Unsicherheit und Wachstumsschwäche haben zur Abwertung des britischen Pfunds geführt. Nach dem Brexit-Entscheid ist das Pfund gegenüber dem Euro um rund 15 Prozent gefallen und hat sich seither kaum erholt. Die Währungsabwertung hat zwar die in heimischer Währung gemessenen Aktienpreise beflügelt. In Euro gerechnet ist der FTSE-100 Aktienindex relativ zum Stoxx-Index der Eurozone jedoch um gut 10 Prozent gefallen.

          Sind dies die Vorboten einer noch schwächeren Entwicklung nach dem Brexit? Dies wird davon abhängen, welchen Kurs die Politik danach einschlagen wird. Gegenwärtig gibt es zwei diametral entgegengesetzte Angebote. Der Chef der Labour Partei, Jeremy Corbyn, möchte zurück in das sozialistische Volksheim, das seine Partei nach dem Zweiten Weltkrieg anstrebte. Das ging schon damals schief und dürfte in unserer globalisierten Welt noch spektakulärer scheitern. Corbyn gegenüber steht der konservativ-schillernde frühere Außenminister Boris Johnson, der auf Freihandel und freie Marktwirtschaft setzt. Seine Gegner werfen ihm vor, einem romantisch verklärten Bild des British Empire nachzujagen. Beide Politiker eint der brennende Ehrgeiz, nächster britischer Premierminister werden zu wollen.

          Bloß nicht Corbyn oder Johnson folgen!

          Trotz eines vorübergehenden Hochs in den Umfragen kann ich mir nur schwer vorstellen, dass die britischen Wähler bei der nächsten Wahl zum Unterhaus, die schon nach dem Ende der Brexit-Verhandlungen anberaumt werden könnte, Jeremy Corbyn zum Premierminister küren würden. Dafür ist sein Blick zu sehr auf die Vergangenheit fixiert. Gleichermaßen würde es mich wundern, wenn sich die Briten den vagen, wirtschaftsliberalen Träumen von Boris Johnson ausliefern würden. Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass die britische Politik nach dem Brexit einen wirtschaftsfreundlichen Kurs einschlagen wird, der ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Eurozone stärken soll. Dafür braucht es keine zweite „Thatcher-Revolution“, sondern eine kluge Politik der Deregulierung, Steuersenkung und Eindämmung der Staatsausgaben. Durch bürokratische Zentralisierung ist die Europäische Union der verbleibenden 27 Staaten überreguliert und schwerfällig geworden. Außerdem ist sie politisch tief zerstritten.

          Für Großbritannien bietet das die Chance, sich zum bevorzugten europäischen Standort für Unternehmen der Biotechnologie, der Digitalwirtschaft und der globalen Finanzindustrie zu entwickeln. In der Vergangenheit sahen viele global tätige Unternehmen Großbritannien als Eingangstor in den europäischen Markt. Dieser Standortvorteil muss nun durch den Vorteil besserer Geschäftsbedingungen für global tätige Unternehmen ersetzt werden. Dabei trifft es sich gut, dass die Staaten der EU die Hürde dafür nicht sehr hoch gesetzt haben. Trotz der Volten der vergangenen zwei Jahre halte ich die britischen Wähler immer noch für nüchtern und pragmatisch genug, die sich aus dem Brexit ergebenden Chance so zu nutzen, dass die damit verbundenen Kosten mehr als ausgeglichen werden.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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